Die Kunsthalle – Herausforderungen und Potenziale eines Formats

2018 wird die Kunsthalle Bern 100 Jahre alt. Bereits jetzt fand an der Uni Bern eine internationale Tagung zum Thema statt. Gäste aus unterschiedlichen Institutionen und Berufsfeldern befragten mit methodischer Vielfalt die historische Entwicklung von Kunsthallen im Allgemeinen, Kunsthallen als Plattform des internationalen Austausches und ihre gesellschaftliche Verortung.

Von Olivia Baeriswyl

Die Tagung – eine Initiative des von Prof. Dr. Peter J. Schneemann geleiteten Lehrstuhls für Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart der Universität Bern in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Eva Ehninger der Universität Basel und Valérie Knoll, Direktorin der Kunsthalle Bern – wurde von der Terra Foundation for American Art unterstützt und versammelte 14 Referentinnen und Referenten aus Europa, den USA und Australien, um sich mit dem Konzept Kunsthalle auseinander zu setzen.

Das Archiv als Chance

Zufall oder Symptom? Bereits in der Einführung zur Tagung «KUNSTHALLEN. Architectures for the Continuous Contemporary in Europe and the US» wurden Fotografien wie jene von Christos Werk Wrapped Kunsthalle von 1968 oder Aufnahmen der mythischen, von Harald Szeemann kuratierten Ausstellung When Attitudes Become Form von 1969 eingeblendet – Bilder, die in den folgenden Beiträgen konstant wiederaufgenommen wurden. Das Ikonische dieser Bilder zeigt auf, dass sich die Kunsthalle Bern in der Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart als fixer Bezugspunkt etablieren konnte und dass sie eine Institution ist, die in den Narrationen immer wiederkehrt. 

Es sind auch Selbsthistorisierungen, die in Form von Ausstellungsrekonstruktionen das Publikum mit der Geschichte der Institution konfrontieren. Zu Recht wiesen die Referentinnen und Referenten dabei auf höchst umstrittene Rekonstruktionen wie im Palast der Fondazione Prada hin, wo 2013 unter dem Titel When Attitudes Become Form. Bern 1969/Venice 2013 mehr Leute den Wiederauferstehungsversuch der legendären Berner Schau sahen, als dies beim Original der Fall gewesen war.

Die kritische Diskussion von und der Beitrag zu einer Historisierung der Kunsthalle zeigt die damit verbundenen Schwierigkeiten auf. Obwohl die Kunsthalle Bern über eine bald 100-jährige Ausstellungsvergangenheit verfügt, wiederholen sich im Diskurs die immer gleichen, kanonisch gewordenen Ausstellungen und Ausstellungsaufnahmen. Die Kunsthalle wird zur «haunted site» ihrer eigenen Dokumentation.

Dass eine programmatische Verortung geleistet werden muss und kann verdeutlichte der Beitrag von Valérie Knoll. Initiativen wie die aktive Aufarbeitung des dortigen Archivs und die Zusammenarbeit der Kunsthalle Bern mit dem Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern bieten die Möglichkeit, bisher wenig erforschtes Material der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und daraus Fragen zu erschliessen, die wiederum das Verständnis der Kunsthalle bereichern und deren Notwendigkeit deutlich machen.

Zwischen globaler Verbreitung und regionaler Verwurzelung

Die Internationalität der eingeladenen Referentinnen und Referenten erlaubte dem Institut nicht nur die Pflege eines Netzwerks. Es konnten dadurch auch geographische Differenzierungen des Kunsthallenbegriffs herausgearbeitet werden. So zeigte sich, dass das amerikanische Modell der Kunsthalle eng mit der Vorstellung eines alternativen Kunstraums verbunden ist. Globalität spiegelt sich indes nicht nur in der Verbreitung, sondern auch in den einzelnen Kunsthallen selber wieder. Sie funktionieren als Auffangbecken transatlantischer Einflüsse und sind Orte des künstlerischen Austauschs. 

Hervorgehoben wurde neben der Internationalität einer Kunsthalle deren lokale Einbettung. Fallstudien wie das Katonah Museum of Art, NY, zeigen die Bedeutung der Kunsthalle für ihre Umgebung und ihre Beziehung zu dieser auf. Der Verzicht auf eine eigene Sammlung (weitestgehend ein Charakteristikum aller Kunsthallen) bedeutet Flexibilität und Dynamik im Ausstellungsprogramm – und damit eine fortwährende Verhandlung mit der lokalen «community». Glenn Phillips, Kurator am Getty Research Institute Los Angeles, dem Hüter des Harald Szeemann Archivs, problematisierte in seinem Festvortrag das Spannungsverhältnis von globaler Anerkennung und regionaler Verwurzelung einer Kunsthalle. Wer ist das Publikum der Kunsthalle und wo ist sein Platz – solche Fragen müssen sich die Institutionen und die wissenschaftliche Forschung gleichermassen stellen.

Das Gebäude als Akteur

Nicht nur die Kuratoren, die Künstler und das Publikum wurden als Figuren des Kunsthallenbetriebs verhandelt. Die architektonische Hülle der Institutionen erfuhr in den Beiträgen besondere Beachtung. Das Gebäude als Akteur wurde von Damian Lentini in der animierten Fassade des Kunsthaus Graz ebenso wie von Diego Mantoan in zu Kunsthallen umfunktionierten Fabrikgebäuden in Grossbritannien besprochen. 

Die Kunsthalle Bern stand ihrerseits im Fokus einer architektonischen Auseinandersetzung. Der Beitrag von Bernd Nicolai zeigte dabei die diversen baulichen Vorläufer und Modelle der Kunsthallenfragmente auf und verwies auf die Spannung des Kunsthallenbaus als ewigem Tempel und dynamischer Plattform des Zeitgenössischen. Ob von Christo 1968 anlässlich der 12 Environments Ausstellung zur Skulptur verpackt oder von Richard Serra und Michael Heizer in der Ausstellung When Attitudes Become Form 1969 mit Gewalt attackiert – das Gebäude der Kunsthalle ist ein aktiver und aktivierter Teil der Werke und der Ausstellungen. 

Das Institut für Kunstgeschichte IKG

Das Institut für Kunstgeschichte IKG der Universität Bern mit seinen fünf Abteilungen (Ältere Kunstgeschichte mit angegliederter Forschungsstelle TransMediterraneanStudies, Kunstgeschichte der Neuzeit, Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart, Architekturgeschichte und Denkmalpflege, Geschichte der textilen Künste) erforscht und lehrt die europäische und nordamerikanische Kunst in ihrer gesamten Breite von der frühchristlichen Zeit bis in die Gegenwart sowie die moderne Kunstproduktion im globalen Massstab.

Die Abteilung für Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart des IKG wird von Prof. Dr. Peter J. Schneemann geleitet. Gegenstand der Lehre ist die bildende Kunst und ihre Theorie vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Dabei werden alle Bildmedien sowie alle medienübergreifenden Gattungen von den klassischen Avantgarden bis hin zur zeitgenössischen Kunstpraxis untersucht. Besondere Bedeutung für die Ausrichtung der Lehre kommt der Beschäftigung mit der Kunst der Gegenwart zu, die eine permanente Herausforderung für das kunsthistorische Instrumentarium darstellt.

Zur Autorin

Olivia Baeriswyl ist Kunsthistorikerin. Als Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart, Institut für Kunstgeschichte, Universität Bern war sie Teil des Organisationsteams der internationalen Tagung KUNSTHALLEN. Architectures for the Continuous Contemporary in Europe and the US, die am 2. und 3. September stattgefunden hat.

07.09.2016