Die Einstein-Fälschung

Im Internet macht derzeit ein gefälschter Brief die Runde. Im vermeintlich historischen Schreiben von 1907 lehnt die Uni Bern die Habilitation Albert Einsteins ab. Uni-Archivar Niklaus Bütikofer erklärt, welche Fehler dem Fälscher unterlaufen sind und erzählt mit Hilfe der Original-Dokumente die wahre Geschichte.

Von Martin Zimmermann

Ein vergilbter Brief in Schreibmaschinenschrift, Datum: 6. Juni 1907. Es sind happige Vorwürfe, die Prof. Wilhelm Heinrich, Dekan der Phil.-nat.-Fakultät der Universität Bern, darin an den berühmten Physiker Albert Einstein richtet: Die als Relativitätstheorie bekannt gewordenen Ansätze Einsteins zu Raum, Zeit und Licht seien «radikal» und «mehr Kunst als Physik»; sein Antrag auf eine Habilitation in Bern müsse die Fakultät daher ablehnen. Einstein – ein von einer bornierten akademischen Elite verkanntes Genie?

Niklaus Bütikofer, Archivar der Universität Bern, kennt das vermeintlich historische Schriftstück, das seit einigen Wochen auf den Internet-Plattformen Facebook und Twitter verbreitet wird. Er stellt klar: «Das Dokument ist eine relativ plumpe Fälschung. Bei der Recherche hat man sich keine besondere Mühe gegeben.» Der Archivar zählt einige der Fehler auf, die dem oder den Urhebern des gefälschten Briefs unterlaufen sind:

  • Zum angegebenen Datum waren die Philosophisch-historische Fakultät und die Philosophisch-naturwissenschaftliche Fakultät noch nicht getrennt.
  • Es gab nie einen Dekan – auch keinen Dozenten – namens Wilhelm Heinrich an der Universität Bern.
  • Die Korrespondenzsprache zwischen dem aus Deutschland stammenden und 1901 eingebürgerten Einstein und der Universität wäre wenn schon nicht Englisch, sondern Deutsch gewesen. Bütikofer vermutet, dass der Fälscher offenbar kein Deutsch kann.
  • Der Stempel neben der Unterschrift von «Dekan Heinrich» steht in keinem Zusammenhang mit der Universität Bern. Vielmehr scheint er das Staatswappen Ungarns zu zeigen.
  • Die im gefälschten Briefkopf aufgeführte Sidlerstrasse gibt es erst seit 1931. Davor hiess sie Sternwartsstrasse. Zudem gab es das ebenfalls im Briefkopf benutzte Postleitzahlsystem damals auch noch nicht.

Die wahre Geschichte

Aber wurde die Habilitation des damals in Bern lebenden Physikers anfänglich nicht wirklich abgelehnt? Dies ist tatsächlich der Fall, allerdings nicht aufgrund wissenschaftlicher Differenzen, sondern aufgrund eines formalen Mangels. Die erhaltene – übrigens handschriftliche – Korrespondenz, die Niklaus Bütikofer im kantonalen Staatsarchiv gefunden hat, wo die Archivakten der Universität lagern, erzählen folgende Geschichte:

Am 17. Juni 1907 reicht Albert Einstein sein Gesuch um Habilitierung in theoretischer Physik beim Direktor des Unterrichtswesens des Kantons Bern ein. Das Gesuch wird an die Philosophische Fakultät der Uni Bern weitergeleitet, wo die Fakultätsmitglieder es an der Sitzung vom 28. Oktober 1907 besprechen und zurückweisen – weil er keine Habilitationsschrift eingereicht hat und nicht, weil man etwa seine Thesen abgelehnt hätte. Im Gegenteil: Einstein genoss unter Fachkollegen bereits damals einen ausgezeichneten Ruf, wie der Antrag von Paul Gruner, Professor für theoretische und mathematische Physik, belegt. Dieser wollte Einstein wegen dessen «bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen» trotz der fehlenden Schrift habilitieren lassen.

Noch am selben Tag antwortet Dekan Gustav Tobler Einstein, dass die Fakultät ihn erst habilitieren könne, wenn er die Habilitationsschrift nachreicht. Das muss Einstein in den folgenden Monaten getan haben, denn am 27. Februar 1908 wird er zu einem Probevortrag an die Universität Bern eingeladen. Anschliessend erteilen ihm die Fakultät sowie kurze Zeit später die Direktion des Bernischen Unterrichtswesens die Lehrberechtigung (Venia docendi). Die wahre Geschichte ist somit weitaus weniger spektakulär als die im gefälschten Brief erzählte Version.

«Witz eines gelangweilten Physik-Studenten»

Wo dieser moderne Internet-Mythos seinen Ursprung nahm und wer für das Dokument verantwortlich ist, ist bislang übrigens unbekannt. Ein finanzielles Motiv hält Bütikofer für wenig wahrscheinlich, wie er sagt: «Wenn man das Foto vergrössert, erkennt, dass es im Programm Photoshop bearbeitet wurde. Auch an den Falzen im Papier sieht man, dass die Schreibmaschinenschrift einfach plan darüber kopiert ist.» Der angebliche Brief dürfte deshalb kaum als Papierdokument existieren und sei als finanziell motivierte Fälschung – für Einstein-Memorabilien existiert ein lukrativer Markt – daher wertlos, so Bütikofer.

Er vermutet, dass es sich um den Witz eines gelangweilten Physik-Studenten handle, der sich wohl diebisch daran erfreue, dass das Dokument in den sozialen Medien verbreitet wird. «Solche Fakes zu produzieren und möglichst weit zu verbreiten, ist in den sozialen Medien zu einer Art Wettstreit geworden», sagt der Archivar. «Die Einstein-Briefmarken oben rechts hat der Fälscher wohl noch mit einem Augenzwinkern draufgesetzt, um uns einen Hinweis zu geben, dass die Fälschung nur ein Scherz ist.»

Zur Person

Teaser

Niklaus Bütikofer ist seit 2010 Archivar der Universität Bern und Mitglied der Studienleitung des Weiterbildungsprogramms in Archiv-, Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Er hat Geschichte studiert und lange Zeit im Schweizerischen Bundesarchiv gearbeitet.

Kontakt:

Niklaus Bütikofer
Universitätsarchivar
+41 31 631 80 84
niklaus.buetikofer@hist.unibe.ch

Zum Universitätsarchiv

Zum Autor

Martin Zimmermann arbeitet als Redaktor Corporate Communication an der Universität Bern.

26.05.2016