Das verschollene Geburtstagsgeschenk

Das Jazzorchester der Universität Bern wird 20 Jahre alt und feiert dies am 29. November im Kultur Casino mit der Welturaufführung des Werks «Scheherajazz», dessen Noten lange verschollen waren. «uniaktuell» hat bei Kira Ammann, Präsidentin des Jazzorchesters, nachgefragt, warum es zum Jubiläum gerade dieses Stück sein sollte und hat dabei Spannendes aus der Geschichte des Jazzorchesters erfahren.

Interview: Ivo Schmucki

«uniaktuell»: Können Sie etwas zur Entstehung des Jazzorchesters erzählen?
Kira Ammann: Die Idee zur Uni Big Band, dem heutigen Jazzorchester der Universität Bern JOUB, wurde 1995 am Massachusetts Institute of Technology MIT in Boston geboren, als die dortige Big Band zu einem Campus-Konzert aufspielte. «Eine Big Band, das braucht die Uni Bern auch!», sagten sich die Berner Studenten Stefan Minder und Michael Stettler, die damals gerade in Boston zu Besuch waren. Wieder in der Schweiz machten sich die beiden auf die Suche nach studentischen Musikerinnen und Musikern, einem Proberaum, Notenliteratur und einem musikalischen Direktor. Mit Hilfe der universitären Anschlagbretter und Briefversänden – das Internetzeitalter hatte kaum begonnen – und mit Unterstützung des Instituts für Musikwissenschaft und der Swiss Jazz School konnte 1996 mit dem Probe- und Konzertbetrieb begonnen werden.

Was zeichnet das JOUB aus?
Unter der Leitung von Wolfgang Pemberger, Dirigent seit der ersten Stunde, spielt das JOUB klassischen und kontemporären Jazz, regelmässig auch mit Gastmusikern wie zum Beispiel Michael Zisman und war bereits an Festivals in der Schweiz, Frankreich, Jamaika oder Italien anzutreffen. Ein besonderes Highlight in der bisherigen Geschichte war der Auftritt am Jazzfestival in Rom, als die Big Band mit dem italienischen Pianisten Enrico Pieranunzi dessen Musik aufführen konnte.

Wer kann im Jazzorchester mitspielen?
Das JOUB steht Studierenden und Alumni der Universität Bern offen, die ein Big Band-Instrument auf semiprofessionellem Niveau spielen. Voraussetzung ist eine freie Position in der Band, da eine Big Band-Besetzung per se festgelegt ist – sie besteht aus der Rhythmussection inklusive Bass, Piano und Gitarre, einer Trompeten-, Posaunen- und Saxophonsection. Geprobt wird jeweils am Montagabend, auch während der Semesterferien. Kann eine Stimme temporär nicht mit Uniangehörigen besetzt werden, bitten wir meist die Swiss Jazz School um Hilfe. So kam es beispielweise zu einem beidseitig prägenden Karriereabschnitt des Schweizer Nummer-Eins-Leadtrompeters David Blaser im Jazz Orchester der Universität Bern.

Was ist eigentlich «Scheherajazz»?
Scheherajazz basiert auf dem klassischen Werk Scheherazade, einer sinfonischen Dichtung von Nikolai Rimskij-Korsakov aus dem Jahr 1888. Das Orchesterwerk beruht auf der Erzählung «Tausendundeine Nacht». Es zeichnet sich durch typische Merkmale der russischen Musik und speziell der Komposition von Rimskij-Korsakov aus, einer farbenfrohen Instrumentation und der im russischen Reich weit verbreiteten Begeisterung für alles Orientalische. Skip Martin, ein amerikanischer Big Band-Arrangeur hat mit dem Anfangsthema und anderen kleineren musikalischen Motiven aus dem Original seine Version der Scheherazade für Big Band und Orchester geschrieben.

Und wie kam man beim Jazzorchester auf die Idee, dieses Werk aufzuführen?
«Scheherajazz» ist schon lange ein Lieblingsthema von Wolfgang Pemberger – wir verfolgen das Projekt seit Jahren. Live-Aufführungen des Stücks sind keine bekannt, es gibt lediglich eine Studioaufnahme aus dem Jahr 1959 in Los Angeles. Diese Aufnahme haben wir oft im Reisecar angehört und immer wieder Recherchen zum Notenmaterial gestartet. Leider gelten die Noten schon seit einiger Zeit als verschollen. Unsere Anfragen bei den grossen US-Bibliotheken bestätigten diesen Verdacht. Eine Welturaufführung dieses Werks ist für uns nur möglich, weil die Noten von den alten Aufnahmen nun transkribiert wurden und nach Jahrzehnten endlich wieder zur Verfügung stehen. Da das Arrangement von Skip Martin nicht nur für Big Band, sondern für Big Band und Orchester geschrieben ist, brauchten wir zudem einen entsprechenden Partner. Beim Uniorchester Bern uob mit seiner Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer konnten wir erfreulicherweise Musikerinnen und Musikern finden, welche sich genauso für das Projekt begeistern liessen.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem uob?
Es trafen zwei unterschiedliche musikalische Kulturen aufeinander, was immer wieder zu heiteren Momenten in den Proben führte. Die Koordination von knapp 100 Musikerinnen und Musikern erforderte eine entsprechende Planung. Zuständig dafür waren die beiden Präsidentinnen, Eliane Fitzé für das uob und ich. Wir blicken nun bereits etwas wehmütig auf eine abwechslungsreiche, intensive und spannende Zusammenarbeit zurück. Die schrittweise Annäherung der beiden Welten und die gegenseitige Faszination wirkten während der intensiven und abwechslungsreichen Planungs- und Übungszeit mehr und mehr inspirierend – und vielleicht vermochten wir sogar das eine oder andere Klischee über Jazz und Klassik zu widerlegen.

«Scheherajazz» im Kultur Casino

Am Dienstag, 29. November 2016 um 19.30 Uhr findet die Aufführung von «Scheherajazz» im Kultur Casino Bern statt. Der Konzertabend wird mit weiteren Werken aus Klassik und Jazz ergänzt.

Weitere Konzerte finden am 24. November in der Kirche St. Peter Zürich, am 12. Dezember in der Martinskirche Basel und am 16. Dezember an der Universität in Freiburg im Breisgau statt.

Zur Person

Teaser

Kira Ammann ist seit 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Bern. Sie verfasst derzeit ihre Dissertation zum Thema Kinderrechte und Kindheitsforschung. Im Jazzorchester ist Kira Amman seit rund zehn Jahren Mitglied, seit 2011 präsidiert sie den Verein. Das Saxophon begleitet sie schon seit ihrem neunten Lebensjahr.

Zum Autor

Ivo Schmucki ist Hochschulpraktikant Corporate Communication an der Universität Bern.

21.11.2016