Das Alltägliche sehen lernen

Mit Veena Das war eine der prominentesten Sozialanthropologinnen der Gegenwart an der Universität Bern zu Gast anlässlich der diesjährigen Anthropology Talks des Instituts für Sozialanthropologie. Während drei Tagen stellte die an der Johns Hopkins University in den USA lehrende Wissenschaftlerin in zwei Vorlesungen und drei Workshops ihre Schlüsselkonzepte und aktuellen Forschungen vor. 

Von David Loher

Sozialanthropologie versucht durch Mikrobeobachtungen Makroprozesse zu verstehen. Deshalb ist das Alltägliche einer der ganz zentralen Gegenstände sozialanthropologischer Beschäftigung – empirisch, wie auch theoretisch. Für die diesjährigen Anthropology Talks vom 16. bis 18. Mai hat das Institut für Sozialanthropologie Veena Das eingeladen, die 2016 von der Universität Bern mit einem Ehrendoktortitel geehrt worden war. Als eine der ganz wichtigen Stimmen der aktuellen sozialanthropologischen Debatten ist Veena Das wohl diejenige Forscherin, welche das Alltägliche am Konsequentesten zum Gegenstand ihrer gesamten Arbeit gemacht hat.

Dieses Leitmotiv des Alltäglichen stand denn auch im Zentrum der Keynote Lecture zum Auftakt der Anthropology Talks. Das Referat «Violence of and Against the Everyday. Learning to See What is Before Our Eyes» ging der Frage nach, wie Ethnographie dazu beitragen kann, «die Textur des Alltäglichen» zu verstehen. Gerade angesichts von Fällen spektakulärer Gewalt – Das hat zum Beispiel 1984 mitten während den Anti-Sikh Riots, die ausgebrochen waren nach der Ermordung der Premierministerin Indira Gandhi durch ihre Sikh-Bodyguards, in Neu-Delhi geforscht – ist es schwierig zu erkennen, welche Formen von alltäglicher Gewalt dabei allzu leicht aus dem Blick geraten.  

Vom «banalen» Alltag zu den grossen Fragen 

Veena Das’ ethnografisches Material stammt zum grossen Teil – aber längst nicht nur – von ihren Forschungen mit Communities in den Slums von Neu-Delhi, die sich mittlerweile über rund fünfzig Jahre erstrecken. Sie beobachtet, mit welchen Strategien eine Gemeinschaft von Slum-Bewohnerinnen und Bewohnern aus Neu-Delhi versucht, ihre informelle Siedlung vom indischen Staat anerkennen zu lassen. Sie zeigt, welche Auswirkungen staatliche Kompensationszahlungen an die Opfer der Anti-Sikh-Riots auf Familienkonstellationen und Vorstellungen von Verwandtschaft haben. Oder sie analysiert – als ein Beispiel ihrer aktuellsten Arbeiten –, wie im indischen Patna Tuberkulose-Bekämpfungsprogramme scheitern, weil sie von falschen Annahmen der World Health Organization WHO und der Gesundheitsbehörden darüber ausgehen, wie die formelle und informelle Gesundheitsversorgung und die Arbeitsteilung zwischen dem staatlichen und dem privaten Gesundheitssektor funktioniert. Diese kleinen, teilweise unscheinbaren Beobachtungen kreuzt Veena Das dann mit den grossen – man ist versucht zu sagen existenziellen – Fragen: nach dem Verhältnis von Moral, Recht und Gerechtigkeit; nach der normalisierenden Macht des Staates und wie dies Vorstellungen vom guten Leben prägt; oder danach, wie Vorstellungen und Formen menschlichen (Zusammen-)Lebens als Referenzpunkt für eine Gesellschaftskritik dienen kann.  

«Teil der Welt sein» 

Die Keynote Lecture liess die Breite von Veena Das’ Forschung erahnen: von der Medizinanthropologie, über rechtsanthropologische Fragen, bis zur Verwandtschaftsanthropologie oder der Anthropologie des Staates reichen ihre Arbeiten. Von disziplinären Grenzen hält sie sowieso wenig. Ihre Forschungsfragen sind oft gleichzeitig philosophische Fragestellungen: Das zeigt sich etwa in der wiederholten Beschäftigung mit Ludwig Wittgenstein und Stanley Cavell, oder in den Arbeiten zur Ethik des Alltags und im Alltag. Doch für Veena Das reicht Sozialanthropologie noch weiter. Sie sieht darin nicht nur eine Wissenschaft, sondern «eine Möglichkeit, Teil der Welt zu sein», wie sie es formulierte.  

Die an die Keynote Lecture anschliessenden Workshops boten dann die Gelegenheit, exemplarisch in die Tiefe zu gehen. Fortgeschrittene Studierende, Forschende und Lehrende des Instituts, sowie weitere interessierte Sozialanthropologinnen von anderen Instituten aus der Schweiz und Deutschland diskutierten gemeinsam mit Veena Das die neusten Arbeiten der Forscherin über Wittgensteins Kommentare zu Frazers Kulturbegriff, sowie eine grössere empirische Studie zu Interventionen im öffentlichen Gesundheitssektor in Indien. 

Über alle Veranstaltungen hinweg stand auch immer die Frage nach der Zukunft der Sozialanthropologie im Zentrum. Wohin entwickelt sich das Fach methodologisch und theoretisch? Und welche Themen werden die Sozialanthropologinnen und Sozialanthropologen in Zukunft beschäftigen? Oder ganz allgemein formuliert: Wie kann Sozialanthropologie dazu beitragen, die heutige Welt zu verstehen? Veena Das’ so bescheidener wie radikaler Vorschlag: Sehen lernen, was vor unseren Augen passiert. 

Zur Person

Teaser

Die Sozialanthropologin Veena Das hat die Krieger-Eisenhower-Professur inne an der Johns Hopkins Universität in Baltimore, USA und ist aktuell eine der wichtigsten Vertreterinnen ihres Faches. Zuvor arbeitete sie bis 2000 während über dreissig Jahren an der Delhi School of Economics. Zwischen 1997 und 2000 war sie ebenfalls an der New School for Social Research. Veena Das ist Fellow an der American Academy of Arts and Sciences und an der Academy of Scientists from Developing Countries. Die mehrfach ausgezeichnete Wissenschafterin erhielt unter anderem 1977 den Ghurye Award und 1995 den Anders Retzius Award der Schwedischen Akademie für Anthropologie und Geografie. Im Jahr 2009 erhielt sie das John Simon Guggenheim Fellowship und den Nessim Habif Preis der Universität Genf. Veena Das ist Trägerin mehrerer Ehrendoktorate, unter anderem von der Universität Chicago. Letztes Jahr wurde sie von der Universität Bern mit einem Ehrendoktorat für ihr Schaffen ausgezeichnet.

DAS INSTITUT FÜR SOZIALANTHROPOLOGIE

Das Institut für Sozialanthropologie erforscht gesellschaftliche Makroprozesse aus einer lebensweltlichen Mikroperspektive. Das heisst, es erforscht in teilnehmender Beobachtung, wie Menschen in unterschiedlichen Regionen der Welt mit unterschiedlichen lokalen Traditionen globale ökonomische und kulturelle Prozesse wahrnehmen und auf sie reagieren. Das Institut betreibt Forschung zu akuten gesellschaftlichen Problemen, in denen diese Perspektive kritisches Orientierungswissen bereitstellt. Sein Anspruch ist es, die gängigen eurozentrischen und technokratischen Sichtweisen auf die Welt um multiple Sichtweisen aus diversen, auch nichtprivilegierten Standpunkten zu erweitern. Die Sozialanthropologie, wie sie am Institut in Bern betrieben wird, versteht die Menschen, die sie untersucht, als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebenswelten, und wendet die Methoden des Faches an, um dieses lokale Wissen in einen wissenschaftlichen Diskurs zu übersetzen.

Zum Autor

David Loher arbeitet als Post-Doc am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern. Er beschäftigt sich mit migrationsanthropologischen und rechtsanthropolgischen Fragestellungen mit einem besonderen Fokus auf das Verhältnis von moralischer und rechtlicher Verantwortung.  

24.05.2017