Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel: «Gut Ding will Weile haben»

Deutschlands Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel hat an der Universität Bern ihren Ehrendoktortitel in Empfang genommen, den Senat und Universitätsleitung ihr im Jahr 2009 verliehen haben. Anschliessend ging sie in ihrer Rede auf die aktuelle Flüchtlingskrise ein.

Von Timm Eugster

Eine feierliche Stimmung herrschte am Donnerstagnachmittag in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula der Universität Bern. Studierende – sowie Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, Alumni, Angehörige und Freunde der Universität – erwarteten Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Im Anschluss an ihren offiziellen Besuch in der Schweiz traf sie in Begleitung von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga an der Universität Bern ein.

Rektor Martin Täuber erinnerte in seinen einleitenden Worten daran, dass die Universität Bern die Ehrendoktorwürde an Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel im Rahmen ihres 175-Jahr-Jubiläums im Jahr 2009 vergeben habe – der Titel wurde erstmals im Namen der Gesamtuniversität verliehen. Dass die Urkunde erst heute im Rahmen eines politischen Besuchs feierlich überreicht werde, habe auch ihre guten Seiten, so Täuber: «Die vergangenen Jahre haben eindrücklich bestätigt, dass der Entscheid auch aus heutiger Sicht mehr als gerechtfertigt war.»

Engagiert für den Klimaschutz

Mit der Universität Bern teile die Bundeskanzlerin das Engagement für den Klimaschutz, erklärte Täuber. Die Universität Bern betreibt seit langem Klimaforschung auf hohem internationalen Niveau. Die promovierte Physikerin Angela Merkel habe sich bereits als Umweltministerin ab 1994 für Anliegen des Klimaschutzes starkgemacht – «schon früh in ihrer Karriere, zu einer Zeit, als dies noch keine Selbstverständlichkeit war», betonte Täuber.

In der Laudatio würdigte der Rektor die Bundeskanzlerin als Politikerin, die sich in verschiedensten Funktionen konsequent für das öffentliche Wohl verwendet und eine Politik des Dialogs verfolgt. Zudem sei sie eine Persönlichkeit, die sich mit grossem Einsatz für den europäischen Integrationsprozess engagiere, den Menschenrechten nachdrücklich Achtung verschaffe und antisemitischen Tendenzen resolut entgegentrete. Auch für die Chancengleichheit der Frauen setze sie sich ein. Unter tosendem Applaus übergab der Rektor der Bundeskanzlerin nun die rote Schriftrolle mit der Urkunde.

Merkel bedankte sich für den würdevollen Empfang, die freundlichen Worte und die Auszeichnung – und merkte zum späten Zeitpunkt der Übergabe an: «Gut Ding will Weile haben.» Fortan werde sie sich der Universität Bern besonders verbunden fühlen: «Sie ist zu Recht stolz auf Wissenschaftler wie Albert Einstein, der in Bern habilitiert hat, wie auf ihre aktuelle Forschung.»

Merkel: «Jetzt sind wir praktisch gefordert»

In ihrer Rede spannte die Bundeskanzlerin eine politische Tour d' horizon von der Ukraine-Krise über den IS, das Verhältnis Schweiz-EU bis zur aktuellen Flüchtlingskrise. Deutschland werde die Aufnahme von 800’000 Schutzbedürftigen meistern, so die Kanzlerin, sei aber auf Solidarität in Europa angewiesen, damit eine faire Verteilung zustande komme. Jetzt gehe es darum, die europäischen Werte nicht nur in Reden zu beschwören: «Jetzt sind wir praktisch gefordert!»

Gefordert seien die Schweiz und die EU auch wegen der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, so Merkel – doch dank des Willens zu Lösungen auf beiden Seiten seien die Chancen für ein gutes Ergebnis gut. Politik sei eben so spannend wie Wissenschaft: «Da weiss man am Anfang auch nie, wie das Resultat aussehen wird.»

Gegen die Angst

Mit dem Einstein-Zitat «Wichtig ist, dass man nie aufhört zu fragen» leitete Merkel in die Fragerunde über. Befragt wurde sie von Studierenden und weiteren Anwesenden zur Zukunft Griechenlands, zur Sicherheitspolitik – vor allem aber zur europäischen Flüchtlingspolitik. Die Bundeskanzlerin bekannte offen, dass es «kompliziert» werde, die EU auf eine Linie zu einigen – «aber wir arbeiten dran.» Auf die Frage, wie man Europa vor einer Islamisierung schützen könne, betonte Merkel: «Angst ist kein guter Ratgeber. Wir sollten besser den Mut haben, uns wieder stärker mit den eigenen christlichen Wurzeln zu befassen.»

Zum Abschluss sagte Rektor Martin Täuber: «Wir sind stolz, dass wir Ihnen den Ehrendoktortitel verleihen durften. Ich möchte mich herzlich bedanken für Ihre reflektierten Überlegungen zu komplizierten Themen, die uns alle beschäftigen.»

03.09.2015