20 Jahre Komplementärmedizin an der Uni Bern

1995 wurde an der Uni Bern das Institut für Komplementärmedizin IKOM aufgrund eines Regierungsratsbeschlusses errichtet (damals noch «Kollegiale Instanz für Komplementärmedizin»). Am Donnerstag, 21. Januar, findet zum 20-jährigen Jubiläum ein öffentliches Symposium statt. Martin Frei, Dozent für Homöopathie am IKOM und einer der Referenten am Symposium, erzählt im Interview mit «uniaktuell» von der bewegten Geschichte der Komplementärmedizin an der Uni Bern und warum er glaubt, dass die konventionelle Medizin und die Komplementärmedizin von einander profitieren.

Interview: Brigit Bucher

Vor 20 Jahren wurde an der Uni Bern die «Kollegiale Instanz für Komplementärmedizin» eingerichtet und so mit der Integration von Komplementärmedizin in das universitäre Curriculum begonnen. Dies geschah nicht ohne Widerstände. Können Sie uns etwas über die Anfänge erzählen?
Die Errichtung der KIKOM war, ähnlich wie bei der Integration der allgemeinen Ökologie oder der Hausarztmedizin an der Universität Bern, nur auf politischen Druck möglich. Vor dem Hintergrund der grossen Nachfrage in der Bevölkerung nach komplementären Behandlungsmethoden kam 1992 eine kantonale Volksinitiative zu Stande, welche die Errichtung von mindestens einem Lehrstuhl an der medizinischen Fakultät forderte. Die Verhandlungen zwischen Initiativkomitee, medizinischer Fakultät und Erziehungsdirektion führten zum Kompromiss eines «Lehrstuhläquivalents» mit vier Dozenturen zu je 25 Stellenprozenten, analog zur damals bestehenden Fakultären Instanz für Hausarztmedizin FIAM. In der Folge wurde die Initiative zurückgezogen und der Regierungsrat konnte am 8. Dezember1993 die Errichtung der Kollegialen Instanz für Komplementärmedizin beschliessen. 1994 erfolgte die Genehmigung der Finanzierung durch den Grossen Rat, womit das Berufungsverfahren an der medizinischen Fakultät für die ersten vier Dozierenden eingeleitet werden konnte. Diese nahmen am 1. Juli 1995 ihre Tätigkeit im Imhoof-Pavillon auf dem Inselspitalareal auf.

Schliesslich wurde die Kollegiale Instanz im Jahr 2013 zum Institut für Komplementärmedizin. Was hat sich damit geändert?
Die Umbenennung war für uns eine grosse Freude und Anerkennung für die Arbeit der letzten Jahre in Lehre und Forschung. Im Wesentlichen hat sich durch diese Umbenennung an unseren Tätigkeiten in Lehre, Forschung und Dienstleistungen aber nicht viel geändert. Unser Ziel ist weiterhin auf hohem Niveau in Forschung und Lehre aktiv zu sein. Sicher hat sich in der Öffentlichkeit und allenfalls auch Uni-intern die Wahrnehmung verbessert, dass auch auf universitärem Level zu Themen der Komplementärmedizin geforscht und gelehrt wird. Wesentlich einfacher ist die Kommunikation mit englischsprachigen Kollegen geworden: versuchen Sie mal «Kollegale Instanz» zu übersetzen...

Die Förderung der Komplementärmedizin ist seit 2009 in der Bundesverfassung verankert, 2015 wurde das Bundesgesetz über die universitären Medizinalberufe (MedBG) Jahr revidiert. Neu werden von den Studierenden «angemessene Kenntnisse über Methoden und Therapieansätze der Komplementärmedizin» verlangt. Ein Meilenstein in der Integration von Komplementärmedizin in das universitäre Curriculum?
Die Annahme der Volksinitative 2009 war politisch sehr wichtig und hat der Komplementärmedizin auf verschiedenen Ebenen den Rücken gestärkt. Eine Aufnahme der Komplementärmedizin in das MedBG wäre ohne diesen klaren Verfassungsauftrag kaum möglich gewesen, weshalb man durchaus von einem weiteren Meilenstein sprechen kann. Alle medizinischen Fakultäten sind nun verpflichtet Lehrinhalte zur Komplementärmedizin anzubieten. Bisher war das nur in Bern, Zürich und Lausanne der Fall.

In der Umsetzung sind die medizinischen Fakultäten in der Schweiz aber frei. Findet eine Koordination unter den verschiedenen Universitäten statt? Wenn ja, wie sieht die Rolle des IKOM aus?
Die Formulierung «angemessene Kenntnisse» lässt den einzelnen Fakultäten tatsächlich Freiraum zur Ausgestaltung der Lehrveranstaltungen und Integration in die je nach Fakultät sehr unterschiedlich aufgebauten Studiengänge. Im Rahmen der aktuellen Revision des Schweizerischen Lernzielkataloges für das Studium Humanmedizin SCLO hat sich auf Initiative des Bundesamtes für Gesundheit eine nationale Arbeitsgruppe mit Vertretern aller sechs medizinscher Fakultäten unter dem Lead des IKOM gebildet. In der jetzigen Version des SCLO fehlen Lernziele zur Komplementärmedizin vollständig. Unsere Arbeitsgruppe hat zunächst eine Übersicht über das bestehende Angebot an Komplementärmedizin an den sechs Fakultäten erhoben, um nun anschliessend den Verantwortlichen der SCLO-Revision Vorschläge betreffend komplementärmedizinischer Lernziele zu unterbreiten. Bei der Umsetzung dieser Lernziele in Lehrveranstaltungen stellen wir den anderen Fakultäten falls erwünscht unsere langjährige Erfahrung gerne zur Verfügung. Am IKOM haben wir die schweizweit einmalige Situation, dass vier komplementärmedizinische Fachrichtungen vertreten sind.

Werden die Studierenden für die Ausübung von Komplementärmedizin ausgebildet?
Nein, Ziel der Integration ist primär, dass alle Studierenden der Humanmedizin über genügende Kenntnisse über die Grundlagen verschiedener komplementärmedizinischer Methoden verfügen, um im Arzt-Patient-Gespräch auch die  Komplementärmedizin anzusprechen, Patienten bei Fragen zur Komplementärmedizin beraten und allenfalls an spezialisierte Kollegen überweisen zu können. Wir wissen aus vielen, auch eigenen Untersuchungen, dass von Patienten mit chronischen Erkrankungen oder Krebserkrankungen bis zu 50 Prozent ergänzend Komplementärmedizin anwenden. Heute wird dies im Arzt-Patienten-Gespräch bei diesen Patientengruppen kaum angesprochen, weshalb sich die Patienten selber Hilfe suchen ohne den behandelnden Arzt darüber zu informieren.

Wo sehen Sie Potential zur Optimierung der Studiengänge?
In Bern sind wir mit jährlichen Lehrveranstaltungen ab dem dritten Studienjahr Humanmedizin bereits zufriedenstellend integriert, was uns eine spiralförmige Vertiefung der Lerninhalte erlaubt. Allerdings steht uns sehr wenig Vorlesungszeit zur Verfügung, hier besteht eindeutig Optimierungsbedarf. Konkret fehlt uns die Zeit, um den Studierenden sowohl die Grundlagen als auch die Evidenzlage zu den vier Fachrichtungen am IKOM ausführlich zu vermitteln und dies mit ihnen im Rahmen der Meinungsbildung zu diesem Thema auch zu diskutieren.

Welche anerkannten Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es im Bereich Komplementärmedizin für Ärztinnen und Ärzte nach einem abgeschlossenen Medizinstudium?
Die komplementärmedizinischen Fachgesellschaften bieten berufsbegleitende Ausbildungsgänge an, die analog zu anderen ärztlichen Weiterbildungen in einem Fähigkeitsprogramm der FMH beziehungsweise des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter-und Fortbildung SIWF reglementiert sind. Erfolgreiche Absolventen erhalten einen Fähigkeitsausweis des SIWF, der gleich wie beim Facharzttitel alle drei Jahre durch den Nachweis regelmässiger Fortbildungen rezertifiziert wird.

Bietet das IKOM auch Dienstleistungen für die breite Bevölkerung?
Als Institut, das auf Wunsch der Berner Bevölkerung entstanden ist, ist es uns immer ein Anliegen gewesen, für die Bevölkerung und Patienten zur Verfügung zu stehen. Alle vier Fachrichtungen des IKOM bieten ambulante Sprechstunden an. Unser Standort auf dem Inselspitalareal ermöglicht es den Kliniken des Inselspitals unsere Ärzte beratend in der Betreuung von stationären Patienten beizuziehen. Daneben stehen unsere Mitarbeitenden gerne für Vorträge zur Verfügung.

Konventionelle Medizin und Komplementärmedizin befinden sich immer noch in einem Spannungsfeld. Wo können die beiden Disziplinen voneinander profitieren? Oder schliessen sie sich gegenseitig aus?
Aufgabe der Medizin ist es, kranken Personen zu helfen und Krankheiten zu lindern oder zu heilen. Bei konventionellen Ärzten besteht nach wie vor oft eine Skepsis gegenüber der Komplementärmedizin, weshalb teilweise Patienten potenziell hilfreiche komplementärmedizinische Behandlungen vorenthalten werden. Umgekehrt ist dies kaum der Fall, da komplementärmedizinische Ärzte auch über eine Ausbildung und einen Facharzttitel in konventioneller Medizin verfügen und sich damit in beiden Welten auskennen. Sie demonstrieren täglich in ihren Praxen, dass sich konventionelle Medizin und Komplementärmedizin zur Optimierung der Behandlung bei vielen Patienten bestens ergänzen. Von einer Zusammenarbeit profitieren alle Patienten, speziell aber Personen mit chronischen Erkrankungen oder mit Krebserkrankungen, bei denen eine individuelle Mischung von konventioneller Medizin und Komplementärmedizin zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen kann.

Zur Person

Teaser

Dr. med. Martin Frei-Erb wurde 1960 in Altstätten SG geboren. Medizinstudium in Bern mit Staatsexamen 1985. Anschliessend Ausbildung zum Facharzt FMH für Allgemeinmedizin (Innere Medizin, Chirurgie, Rheumatologie, Psychiatrie). Dissertation 1990 (Schizophrenie - ein Leben lang krank? Videolehrfilm für Studierende). Ausbildung in Klassischer Homöopathie von 1990 – 1992 in Bern, Weiterbildung in Klassischer Homöopathie an verschiedenen internationalen Seminaren (Graf, Sankaran, Shah, Mangialavori, Chhabra). 1993 Eröffnung einer Hausarztpraxis in Thun. Seit 2000 Referent am Ausbildungskurs in Klassischer Homöopathie der Berner Ärztinnen und Ärzte für Klassische Homöopathie BAKH. Seit April 2008 Dozent für Homöopathie am Institut für Komplementärmedizin IKOM, Universität Bern. Seit Juli 2009 Lehrbeauftragter für Hausarztmedizin, Berner Institut für Hausarztmedizin BIHAM, Universität Bern.

Kontakt:

Institut für Komplementärmedizin (IKOM)
Inselspital
Personalhaus 4, Eingang 5
3010 Bern
Telefon direkt: +41 31 632 97 58
Email: martin.frei@ikom.unibe.ch

Das Institut für Komplementärmedizin (IKOM)

Das Institut für Komplementärmedizin IKOM wurde 1995 aufgrund eines Regierungsratsbeschlusses errichtet (damals noch «Kollegiale Instanz für Komplementärmedizin»). Es umfasst die Bereiche Anthroposophisch erweiterte Medizin, Klassische Homöopathie, Neuraltherapie sowie Traditionelle Chinesische Medizin.

Symposium: 20 Jahre Institut für Komplementärmedizin - Der Weg von der Kollegialen Instanz zum Institut für Komplementärmedizin

Donnerstag, 21. Januar 2016, 14 – 18:15 Uhr
UniS, Schanzeneckstrasse 1, 3012 Bern
Hörsaal A 027

Die Veranstaltung ist öffentlich. Im Anschluss wird ein Apéro offeriert. Zur besseren Planung des Anlasses bitten die Organisatoren um eine formlose Anmeldung per Post oder Email: ikom@ikom.unibe.ch

Programm (PDF, 24KB)

Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Stv. Leiterin Corporate Communication an der Universität Bern und ist Redaktorin bei «uniaktuell».

19.01.2016