Das Rütli der Sowjets

In Zimmerwald fand vor 100 Jahren eine sozialistische Konferenz der Kriegsgegner statt, die später zum Gründungsmythos des kommunistischen Staats stilisiert wurde. In der Sowjetunion kannte nahezu jedes Kind den Namen Zimmerwald, enthusiastische Briefe erreichten das «schweizerische Leningrad» und irritierten die Bewohnerinnen und Bewohner des Berner Bauerndorfes.

Julia Richers

Zimmerwald ist ein kleines, idyllisches Bauerndorf im Kanton Bern, das nur einen Steinwurf von der Bundesstadt entfernt auf dem Längenberg liegt. «Unsere kleine Berggemeinde hat immer abseits der grossen Verkehrswege und damit auch abseits der grossen Ereignisse gelegen», bemerkte einst der Gemeindeschreiber von Zimmerwald in einem historischen Abriss über das Dorf. Nur der Tourismus brachte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auswärtige Besucher in die Gegend. Erholungssuchende Städter und Wanderer genossen das gesunde alpine Klima, die atemberaubende Aussicht, die Ruhe und Abgeschiedenheit.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs blieben die Touristen mehrheitlich weg, ansonsten merkten die Dorfbewohnerinnen und -bewohner kaum etwas von der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Dies änderte sich schlagartig im Herbst 1915, als sich der sozialdemokratische Nationalrat Robert Grimm Zimmerwald für die wohl berühmteste Friedenskonferenz während des Ersten Weltkriegs aussuchte. Die Konferenz der Kriegsgegner sollte im Stillen stattfinden, unentdeckt von den Behörden und Geheimdiensten der kriegsführenden Länder. Das Bauerndorf eignete sich dafür bestens: entlegen und doch nahe bei Bern sowie ein Kurort, in dem fremdsprachige Ausländer kein vollkommen unübliches Bild abgaben.

Als Vogelfreunde getarnt

Am 5. September 1915 brachen die 38 Tagungsteilnehmer – konspirativ getarnt als ornithologische Gesellschaft – von Bern nach Zimmerwald auf. Sie stammten aus fast ganz Europa und gehörten zu jenem kleinen Teil der internationalen Sozialdemokratie, der bei Kriegsausbruch nicht wie alle anderen den Kriegskrediten ihrer Länder zugestimmt hatten. Zu den bekanntesten Vertretern an der Zimmerwalder Konferenz gehörten sicherlich Lenin, Leo Trotzki, Grigori Sinowjew, Karl Radek, Robert Grimm, Fritz Platten und Frauen wie Angelika Balabanowa. 

In der Pension Beau Séjour diskutierten sie vier Tage lang, mit wenigen Stunden Schlaf, über Massnahmen zur Beendigung des Krieges und über die Zukunft Europas. Um das Aussergewöhnliche und Welthistorische dieser Zusammenkunft zu verstehen, muss man zurückblenden – nach Basel im Jahr 1912. Dort hatten sich nahezu alle sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien Europas zu einem beeindruckenden Friedenskongress getroffen und feierlich geschworen, alles gegen den sich abzeichnenden Krieg zwischen den Grossmächten zu unternehmen. Als dieser losbrach, kam alles anders. Die Mehrheit der linken Parteien in Europa wich überraschend rasch von ihrer Friedenspolitik und dem internationalistischen Standpunkt ab. Die wenigen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten Europas, die sich mutig und konsequent gegen diesen grausamen Krieg stellten, passten im Herbst 1915 in vier Pferdekutschen.

Ein Treffen von welthistorischer Bedeutung

Was die Teilnehmer verband, war der leidenschaftliche Kampf gegen den Krieg, was sie unversöhnlich voneinander trennte, war die Frage der Kampfmittel und der Taktik der Friedensaktion: sollte sie auf parlamentarisch-demokratischem Weg oder über den revolutionären Umsturz erfolgen? Um Lenin bildete sich damals der Kreis der sogenannten Zimmerwalder Linken, die den Krieg nun so rasch wie möglich in einen revolutionären Bürgerkrieg umzuwandeln beabsichtigten. Lenin war es – obwohl in der Minderheit – gelungen, hier einen radikalen Block zu bilden und damit die Zimmerwalder in einen revolutionären und einen gemässigten, zentristischen Flügel zu spalten.

Nach harten Verhandlungen verabschiedete man am letzten Tag ein gemeinsames Manifest, das die europäischen «Arbeiter und Arbeiterinnen, Mütter und Väter, Witwen und Waisen, Verwundeten und Verkrüppelten» zum gemeinsamen Kampf gegen den Krieg und für einen Frieden «ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen» aufrief. Das Manifest von Zimmerwald fand damals ein enormes Echo. «Nach einigen Tagen erklang der bis dahin unbekannte Name Zimmerwald in der ganzen Welt», beschrieb Leo Trotzki später die Breitenwirkung. Der Name stand für ein weltweit einmaliges, hoffnungsvolles Zeichen gegen den Krieg. Auf die Zimmerwalder Konferenz folgten im Einjahrestakt wichtige politische Ereignisse, die alle in gewissem Sinne mit Zimmerwald in Verbindung standen: 1916 die zweite Zimmerwalder Konferenz in Kiental, wo Lenins Anhängerschaft weiter wuchs, 1917 die Oktoberrevolution in Russland, 1918 der von Robert Grimm mitinitiierte Generalstreik in der Schweiz und 1919 die von Lenin angeregte Gründung der Dritten Internationalen, der Komintern, in Moskau; dazwischen immer wieder Aufstände und Massenstreiks auf dem gesamten europäischen Kontinent. Man kann zu Recht sagen, dass die Zimmerwalder Konferenz welthistorische Auswirkungen hatte und dass die kleine Berner Gemeinde in der Geschichte des Sozialismus, des Kommunismus und der späteren Sowjetunion eine herausragende Rolle spielte.

Der «Zimmerwaldkult» beginnt

Die Gemeinde Zimmerwald wurde somit von einem unbekannten geographischen Ort unfreiwillig zu einem Symbol, zur Namensgeberin einer ganzen Bewegung und zu einem zentralen Erinnerungsort des internationalen Sozialismus. Die Erinnerungskulturen der letzten 100 Jahre nahmen indes in West- und Osteuropa einen unterschiedlichen Verlauf. Verantwortlich dafür war nicht nur der Kalte Krieg, sondern auch die unterschiedliche Deutung der Ereignisse. In der Sowjetunion hob man rasch die Bedeutung Lenins und der Zimmerwalder Linken hervor. In Zimmerwald befand sich der Urquell Lenins revolutionärer Bürgerkriegsideen, hier schlummerte der Gründungsmythos der Sowjetunion.

Ein regelrechter Zimmerwaldkult entstand in der UdSSR in den 1960er Jahren unter Nikita Chruschtschow. Seine Tauwetterperiode sollte der Stalinschen Eiszeit und der aussenpolitischen Isolation ein Ende bereiten. Man erinnerte sich wieder an die internationalistische Tradition und europäischen Verflechtungen. Schulklassen schrieben enthusiastische Briefe nach Zimmerwald und baten höflich um Informationen, Dokumente und Fotografien. Dieser aussergewöhnliche Aktenbestand befindet sich im Archiv der Gemeinde Zimmerwald und konnte im Rahmen des diesjährigen 100. Jahrestages erstmals ausgewertet werden. Manche Briefe und Postkarten mussten damals in Bern vom Schweizerischen Ost-Institut, der heutigen Schweizerischen Osteuropabibliothek, zuerst aus dem Russischen übersetzt werden. Alle sowjetischen Briefe nahmen begeistert Bezug auf Lenins Aufenthalt in Zimmerwald.

Zimmerwald erlässt Erinnerungsverbot

In Zimmerwald hingegen war man in Zeiten des Kalten Krieges alles andere als begeistert über die kommunistische Bedeutung des Ortes. Die Gemeinde war zutiefst antikommunistisch. Für sie war es schlicht undenkbar, dass ihr Bauerndorf zu einer kommunistischen Wallfahrtsstätte werden könnte. Die Gemeinde erliess mehrere Beschlüsse, mit denen sie der sowjetischen Erinnerungskultur ein Zimmerwalder Erinnerungsverbot entgegensetzte. 1963 nahmen sie im Baureglement der Gemeinde einen Passus auf, der das «Errichten von Gedenkstätten» und das «Anbringen von Gedenktafeln» für das ganze Gemeindegebiet untersagte. Auch weigerte sich die Gemeinde 1964, eine sowjetische Delegation im Dorf zu empfangen. 1971 beschloss sie, das sogenannte «Lenin-Haus» zugunsten einer Busstation abzureissen. Und noch 1980 verhinderte sie, dass die russische Botschaft eine Liegenschaft erwerben konnte, um ein Lenin-Museum im Dorf einzurichten.

In Zimmerwald prallten zwei Erinnerungskulturen und Selbstverständnisse aufeinander. Während in der Schweiz der Ort so gut wie unbekannt blieb, kannte in der Sowjetunion nahezu jedes Kind den Namen Zimmerwald. Er gehörte selbstverständlich auf die mental map vieler Sowjetbürgerinnen und -bürger. Und so konnten sich die sowjetischen Absender der enthusiastischen Briefe beim besten Willen nicht vorstellen, dass man in Zimmerwald wenig begeistert von Lenin und seinem Vermächtnis war.

Sehnsucht nach einem geschichtslosen Idyll

In seinem eingangs erwähnten historischen Abriss über das Dorf betonte der Gemeindeschreiber, man habe sich im Dorf nie «um die grossen Vorgänge der Geschichte gekümmert», auch «fand hier keine Schlacht statt». Fast etwas Stolz und Wehmut schwingt in den Worten mit: «Weder grosse Künstler noch berühmte Politiker haben hier das Licht der Welt erblickt.» Das Dorf wäre so gern dieser idyllische, geschichtslose Ort geblieben, aber Lenin brachte nicht bloss ein bisschen Geschichte, sondern ausgerechnet gleich Weltgeschichte mit ins Dorf, womit der Ort unverhofft «glokal» in weltumspannende Zusammenhänge verstrickt wurde.

Weitere Informationen

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Buchhinweis

Bernard Degen/Julia Richers (Hg.): Zimmerwald und Kiental. Weltgeschichte auf dem Dorfe. Zürich: Chronos Verlag, 2015.

Veranstaltungen

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Zimmerwalder Konferenz vom 5. September 1915 werden heuer zahlreiche Anlässe organisiert:

Zur Autorin

Prof. Dr. Julia Richers

ist ordentliche Professorin für Neueste Allgemeine und Osteuropäische Geschichte. Sie hat zusammen mit dem Basler Historiker Bernard Degen ein Buch über die Konferenzen in Zimmerwald und Kiental herausgegeben. Darüber hinaus ist sie Co-Organisatorin der Konferenz «Sites of Memory of Socialism and Communism in Europe» (siehe Buchhinweis und Veranstaltungen oben).

Kontakt:

Julia Richers, Historisches Institut der Universität Bern, julia.richers@hist.unibe.ch