«Ich verstehe diese jungen Menschen sehr gut»

Naturwissenschaftliche Studiengänge liegen an der Universität Bern im Trend. Die Hintergründe kennt Gilberto Colangelo, Dekan und Professor für Theoretische Physik.

Interview: Timm Eugster

«uniaktuell»: Herr Colangelo, im Herbstsemester 2014 verzeichnen die naturwissenschaftlichen Bachelor-Studiengänge die meisten Neuanmeldungen und liegen damit an der Spitze aller Fakultäten. Überrascht Sie das?
Gilberto Colangelo: Ich verstehe diese jungen Menschen sehr gut. Die Naturwissenschaften spielen eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft: Sie statten uns mit Methoden und Kenntnissen aus, damit wir komplexe Probleme verstehen lernen und darauf aufbauend die richtigen politischen Entscheidungen treffen können. Und es ist etwas Fantastisches und auch Kreatives, die Welt, in der wir leben, mit der Sprache der Mathematik zu erfassen. Doch all das ist nicht neu. Der jetzige Trend könnte mit den vielen aktuellen Medienberichten zusammenhängen: Ich denke an die Entdeckung des Higgs-Teilchens, die Rosetta-Mission mit der Landung auf dem Kometen «Chury» oder an die Dekodierung des menschlichen Genoms. Alle reden vom Fachkräftemangel im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik).

Kommt nun die Trendwende? 
Nein, ich sehe noch keine Trendwende, denn in wichtigen Grundlagenfächern wie Mathematik, Physik oder Informatik sind die Studierendenzahlen zwar stabil, aber nicht steigend. Stark ist in Bern hingegen das Wachstum in der Biologie, während die Geographie auf hohem Niveau stabil bleibt. Das Thema Nachhaltigkeit, das mit beiden Fächern stark verbunden und ein strategischer Themenschwerpunkt der Universität ist, liegt den Studierenden offensichtlich sehr am Herzen. Die Biologie öffnet überdies Türen zu vielen Anwendungen in der Medizin – etwa im Nationalen Forschungsschwerpunkt «RNA & Disease».

Sie sind Physiker – was unternehmen Sie, damit auch Ihr Fach mehr Zuspruch findet?
Wir gehen in die Gymnasien und ermutigen die Jugendlichen, die Schwelle zu überwinden, die manche gegenüber mathematischen Fächern empfinden. Frauen müssen zudem kulturelle Hürden überspringen. Da sind Vorbilder wichtig wie die Berner Astrophysikerin Kathrin Altwegg oder Fabiola Gianotti, die künftige Generaldirektorin des CERN. Immerhin ist der Frauenanteil an unserer Fakultät stabil über 40 Prozent, und auch in der Physik beträgt er heute rund 30 Prozent – vor zwanzig Jahren waren es erst 5 Prozent.

Viele denken bei Spitzenforschung in den Natur wissenschaften eher an die ETH als an die Universität Bern…
Zu Unrecht. Ich kenne dieses Vorurteil von meinen Töchtern im Gymnasium: Wer talentiert ist, solle an die ETH. Meine Erfahrung als junger Student in Italien war eine andere: In meinem Gebiet kamen die besten Experten aus Bern. Die Universität Bern kann es sich zwar nicht leisten, wie die ETH in allen Bereichen die Spitze anzustreben, aber in unseren Spezialgebieten sind wir Weltspitze. Für talentierte Gymnasiasten bietet sich bei uns überdies ein grosser Vorteil: In den eher kleinen Instituten ergeben sich schon früh enge Kontakte mit den Spitzenforschenden.

13.05.2015