«Wir werden Leben ausserhalb der Erde finden»

Ellen Stofan, Chefwissenschaftlerin bei der NASA, betonte bei einem Besuch der Universität Bern, wie wichtig die internationale Zusammenarbeit in der Weltraumforschung sei. Dabei habe die Kooperation mit der Schweiz eine lange Tradition.

Interview: Barbara Vonarburg

«uniaktuell»: Eine bemannte Mission zum Mars ist eines der Hauptziele der NASA. Glauben Sie, dass eines Tages wirklich Menschen auf unserem Nachbarplaneten landen werden?
Ellen Stofan: Ich denke, dass wir das schaffen werden, und ich glaube nicht, dass ich einfach optimistisch bin. Wir sind auf dem Weg herauszufinden, worauf wir uns in den nächsten zwanzig Jahren konzentrieren müssen, um dies wahr zu machen. Aber es ist nicht nur die NASA, die sich damit beschäftigt. Wir werden das Unterfangen in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern realisieren. Dieses Vorhaben unterscheidet sich wesentlich davon, wie wir Menschen auf den Mond geschickt haben.

Ihr Vater war Ingenieur bei der NASA. Sie kennen die Raumfahrtbehörde also seit Ihrer Kindheit. Was hat sich im Laufe der Jahre verändert?
Den ersten Raketenstart habe ich im Alter von vier Jahren miterlebt. Aber ich schaue lieber, was sich bei der NASA nicht verändert hat, weil es für mich um Innovation geht, um Erforschung und um Leute, die kreativ in Teams arbeiten. Im Gegensatz zu früher sind dies heute internationale Teams. In diesem Sinn ist die Welt viel kleiner geworden als in den 1960er Jahren.

Auch das Budget ist kleiner geworden.
Das hat sich sicher geändert seit den Tagen von Apollo. Damals hatte die NASA einen viel grösseren Anteil am Staatshaushalt. Andererseits betrug unser Budget im vergangenen Jahr mehr als 17,5 Milliarden Dollar. Das ist eine enorme Summe. Mit diesem Geld können wir ein ausserordentlich vielfältiges Programm durchführen.

In Europa und vor allem in der Schweiz haben wir manchmal das Gefühl, die Amerikaner würden uns nicht ernst nehmen.
Es erstaunt mich, das zu hören. Wir nehmen die Partnerschaften mit den Raumfahrtagenturen rund um die Welt sehr ernst. Wir arbeiten immer in Partnerschaft mit anderen Ländern. Nur wer die besten Köpfe zusammenbringt, kann die wirklich schwierigen Probleme lösen. Wir haben auch eine lange Tradition in der Zusammenarbeit mit der Schweiz. Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe von Missionen nennen, bei denen wir mit der Schweiz zusammengearbeitet haben. Eins steht fest: Wir hätten keinen Erfolg, wenn wir nicht alle zusammenarbeiten würden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten und eine Antwort auf eine wissenschaftliche Frage bekämen, was möchten Sie wissen?
Sind wir alleine im Universum? Das ist eine der Fragen, die uns vorwärts treibt. Darum erforschen wir den Mars. Auf der Oberfläche des Mars gab es über lange Perioden Wasser. Vielleicht konnte sich dort auch Leben entwickeln. Der Jupitermond Europa hat unter der Oberfläche ein Meer, das Leben enthalten könnte. Bei der Suche nach Planeten, die um andere Sterne kreisen, motiviert uns die Aussicht, einen bewohnbaren Planeten zu finden und vielleicht einmal Lebenszeichen in der Atmosphäre von extrasolaren Planeten zu entdecken. Ich glaube tatsächlich, dass wir in den nächsten zwanzig Jahren diese Frage beantworten können. Wir stehen kurz davor, Antworten auf diese fundamentale Frage zu bekommen, über die sich die Menschen Gedanken machen, seit sie zum Sternenhimmel empor blicken. Das ist furchtbar aufregend.

Aber aus einem Besuch bei E.T. wird es wohl nichts werden?
Sicher nicht auf extrasolaren Planeten. Mit Raumsonden wie CHEOPS – eine ESA-Mission unter Berner Leitung – können wir Planeten entdecken und sagen, wie gross und wie weit weg sie von ihrem Mutterstern sind. Mit Instrumenten wie dem James-Webb-Weltraumteleskop werden wir mit der Untersuchung ihrer Atmosphären beginnen können. Für den Besuch dieser Planeten fehlt es uns aber an der nötigen Technik: Wir benutzen im Grunde immer noch dieselben Raketenantriebstechniken wie in den 1960er Jahren. Wenn ich Schulen besuche, sporne ich die Kinder immer an. Ich sage ihnen, dass sie eine Laufbahn in Wissenschaft, Technik, Ingenieurwesen oder Mathematik anstreben sollen, weil sie das neue Antriebssystem erfinden sollen, das uns zu einem anderen Stern bringen wird.

Sie selbst haben Kinder. Wie ist es Ihnen gelungen, Familie und Karriere miteinander zu vereinbaren?
Ich habe drei Kinder im Alter von 26, 22 und 19. Sie sind alle wundervoll, aber keines ist Wissenschaftler geworden. Während eines Grossteils meiner Laufbahn habe ich Teilzeit gearbeitet, so konnte ich mit Forschen weiterfahren. Ich veröffentlichte nur etwas weniger Arbeiten als meine Kollegen. Aber ich versuchte immer, involviert zu bleiben und so gut als möglich die Balance bei der Kindererziehung zu halten. Nun sind die Kinder erwachsen und ich habe mehr Zeit. So konnte ich wieder einsteigen und Vollzeit für die NASA arbeiten. Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt, wenn ich mit jüngeren Frauen spreche, die Hemmungen haben, eine wirklich anspruchsvolle Laufbahn in Angriff zu nehmen. Alles dreht sich darum, ausgewogene Entscheide zu fällen. Dabei bietet die Wissenschaft sehr gute Karrierechancen, weil man die Arbeitszeit reduzieren und später wieder aufstocken kann, wenn die Kinder älter werden. Dieses Berufsfeld bietet viel Flexibilität in der Karriereplanung – sowohl für Frauen als auch für Männer.

03.03.2015