Sommerserie: Ulrich Meyer und die Satelliten

Die diesjährige Sommerserie in «uniaktuell» ist fünf jungen Forschenden an der Uni Bern gewidmet, die an europaweiten Projekten beteiligt sind. Heute im Fokus: Ulrich Meyer, Nachwuchsforscher im Projekt EGSIEM am Astronomischen Institut der Universität Bern (AIUB). Er beobachtet mit Satelliten den Wasserkreislauf der Erde – in der Freizeit steigt er in tiefe Höhlen hinab.

Von Timm Eugster

Wer sind Sie und woher kommen Sie?
Mein Name ist Ulrich Meyer, ich bin 43 Jahre alt, habe in Stuttgart und Calgary Geodäsie (Erdvermessung) studiert, in München promoviert und war dann sechs Jahre am GeoForschungsZentrum mit der GRACE-Satellitenmission betraut, bevor ich 2008 als Projektwissenschaftler ans AIUB gewechselt habe. 

Was machen Sie?
Ich bestimme aus den Beobachtungen niedrig fliegender Satelliten das Schwerefeld der Erde und wie es im Zeitablauf variiert und suche nach Erklärungen für die beobachteten Variationen.

Warum ist dies wichtig?
Die zeitlichen Schwerevariationen sind durch den Massenkreislauf im System Erde bedingt. Aus Satellitendaten lassen sich auf diese Weise vor allem der kontinentale Wasserkreislauf und die Eisschmelze in den Polargebieten beobachten, aber auch Veränderungen in den Ozeanströmungen werden bereits sichtbar. Das sind sehr wichtige Themen in Zusammenhang mit dem Klimawandel. Darüber hinaus lassen sich Extremereignisse wie Überschwemmungen oder Dürreperioden beobachten und ihre Masseneffekte quantifizieren. Mittlerweile sehen wir sogar Eingriffe des Menschen, wie zum Beispiel das Aufstauen des Drei-Schluchten-Stausees am Jangtsekiang, oder intensive Bewässerung zu landwirtschaftlichen Zwecken in Indien, die zu einer Absenkung des Grundwasserspiegels führt. Mit dem Projekt EGSIEM wollen wir nun ein satellitengestütztes Frühwarnsystem für Hochwasserereignisse oder sich anbahnende Dürrekatastrophen installieren. 

Mit wem arbeiten Sie dafür zusammen?
Im EGSIEM-Konsortium sind neben Satellitengeodäten wie mir vor allem Anwender unserer Schwerefelddaten, insbesondere Hydrologen, vertreten. Aus der durch EGSIEM angeregten interdisziplinären Diskussion habe ich schon viel gelernt. 

Was fasziniert Sie bei Ihrer Forschung besonders?
Satelliten machen Vorgänge sichtbar, die wir auf der Erde in ihrer Gesamtheit so gar nicht umfassend beobachten können, weil wir immer nur Teilaspekte sehen. Und am Ende stehen sehr fassbare Ergebnisse, Karten der Schwere, die sich wiederum geophysikalisch sehr konkret interpretieren lassen. 

Wofür interessieren Sie sich ausserhalb Ihrer Forschung?
Ich bin mit Leib und Seele Höhlenforscher, und ich habe eine Familie mit zwei Kindern. Dies lässt sich nicht unbedingt leicht unter einen Hut bringen, beides ist mir aber sehr wichtig. 

Welches ist Ihre nächste Station?
Eine Förderprofessur des Schweizerischen Nationalfonds würde mich sehr reizen. Nachdem ich all diese Erfahrungen zur Satellitengeodäsie an verschiedenen Institutionen gesammelt und auch dank dem EGSIEM-Projekt Kontakte in halb Europa habe, wird es Zeit, diese Erfahrung zu nutzen und weiterzugeben. Sollte das nicht klappen, so wüsste ich auch noch das eine oder andere grosse Höhlensystem, das ich gerne weiter erforschen will; davon kann man nur leider nicht leben. 

Was möchten Sie erreichen in Ihrem Leben?
Ich möchte meine Familie gut durch alle Höhen und Tiefen steuern, und dabei auch von den Satellitenhöhen im beruflichen Umfeld und den Höhlentiefen in meinem Hobby so viel wie möglich sehen und erforschen. 

Kontakt

Dr. Ulrich Meyer
Astronomisches Institut der Universität Bern (AIUB)
Sidlerstrasse 5
3012 Bern
Email: ulrich.meyer@aiub.unibe.ch

EGSIEM in Kürze

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Je besser man Naturkatastrophen voraussehen kann, desto besser kann man darauf reagieren. Fluten etwa bauen sich so schnell auf, dass sie bisher kaum vorhersagbar sind. Das internationale Forschungskonsortium EGSIEM (European Gravity Service for Improved Emergency Management) unter Berner Leitung versucht nun die Vorwarnzeit für Fluten und Dürren deutlich zu erhöhen. Dazu beobachten die Wissenschaftler die Verteilung der Wassermengen. Dabei genügt es nicht zu wissen, wie viel es geregnet hat. Ob es zu einer Überflutung kommt oder nicht, hängt vom Sättigungsgrad des Bodens ab – der grossen Unbekannten. Paradoxerweise lässt sich der Untergrund am besten aus dem All beobachten. Mithilfe des Satellitensystems GRACE zur Schwerefeldbestimmung, mit dem an der Universität Bern seit längerem gearbeitet wird, lassen sich Massenveränderungen auf der Erde analysieren. EGSIEM-Leiter Adrian Jäggi erklärt das Prinzip: «Die Verteilung der Massen hat einen direkten Einfluss auf das Schwerefeld der Erde und somit auf die Bahn der Satelliten. Wenn sich in einer Region Wasser ansammelt, sprich dort die Masse wächst, verändert sich auch die Satellitenbahn.»

EGSIEM als europäisches Verbundprojekt

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Das europäische Verbundprojekt EGSIEM ist Teil des EU-Förderprogramms «Horizon 2020». Verbundprojekte umfassen mindestens drei Institutionen aus drei Mitgliedstaaten oder assoziierten Ländern. An EGSIEM sind acht Institutionen aus fünf Ländern beteiligt; koordiniert wird das Projekt von der Universität Bern. Das Projekt begann 2015 und dauert bis 2017, das Budget beträgt 2,5 Millionen Euro.
Die Mittel für die europäischen Partner stammen von der EU, die Schweizer Partner werden direkt durch das Schweizerische Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI unterstützt. Die Schweiz gilt beim EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 zurzeit nur noch als teilassoziierter Staat, Schweizer Projektpartner erhalten deshalb teilweise keine Finanzierung mehr von der EU.

EGSIEM umfasst Partner aus den blau eingefärbten Ländern. 

Sommerserie: Forschen im Netzwerk

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Das Interview mit Ulrich Meyer ist im Wissenschaftsmagazin UniPress Nr. 168 erschienen zusammen mit einem ausführlichen Bericht über EGSIEM von Projektkoordinator Adrian Jäggi. In weiteren Berichten und Interviews kommen Menschen zu Wort, die an der Universität Bern in europäischen Forschungsverbünden tätig sind. 

Zum Artikel über EGSIEM

Zur Gesamtausgabe UniPress Nr. 168

Zum Autor

Timm Eugster ist Redaktor bei UniPress.

06.07.2016