Sommerserie: Lia Bally und die Diabetes-App

Die diesjährige Sommerserie in «uniaktuell» ist fünf jungen Forschenden an der Uni Bern gewidmet, die an europaweiten Projekten beteiligt sind. Heute im Fokus: Lia Bally, die am Inselspital als Assistenzärztin Diabetes-Betroffene behandelt und im Rahmen des GoCARB-Projekts die App zur Berechnung des Kohlehydrategehalts von Mahlzeiten in einer klinischen Studie getestet hat. Die junge Forscherin hofft, die Lebensqualität ihrer Patientinnen und Patienten dauerhaft zu verbessern. Dazu gehört für sie der Sport.

Von Timm Eugster

Wer sind Sie und woher kommen Sie?
Ich heisse Lia Bally, bin 28 Jahre alt und in Bern aufgewachsen. Seit Abschluss meines Medizinstudiums und Doktorats bin ich als klinische und wissenschaftliche Assistenzärztin an der Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin & Metabolismus (UDEM) am Inselspital Bern tätig. Zudem absolviere ich ein PhDProgramm der Graduate School for Cellular and Biomedical Sciences der Universität Bern. Aktuell verbringe ich einen zwölfmonatigen Forschungsaufenthalt an der Universität Cambridge (UK), ermöglicht durch ein Stipendium des Nationalfonds.

Was machen Sie?
In der Forschung befasse ich mich vor allem mit Fragen zu Sport und Ernährung bei Menschen mit Diabetes Typ 1 sowie mit Diabetestechnologie. So habe ich im Rahmen des GoCARB-Projekts die App zur Berechnung des Kohlenhydratgehalts von Mahlzeiten in einer klinischen Studie mit Patienten getestet. In weiteren Studien habe ich die Auswirkungen sportlicher Betätigung auf den Blutzuckerspiegel und die Stoffwechselvorgänge untersucht. Gegenwärtig befasse ich mich mit dem medizinischen Nutzen und der Anwenderfreundlichkeit einer künstlichen Bauchspeicheldrüse.

Warum ist dies wichtig?
In der Schweiz leben rund 30 000 Menschen mit Diabetes Typ 1, viele davon sind jung und aktiv. Den Blutzuckerspiegel richtig einzustellen, ist sehr anspruchsvoll. Die Patienten sollten ihren Blutzucker mehrmals täglich messen und – abgestimmt auf den aktuellen Blutzucker, die Menge an zugeführten Kohlenhydraten sowie der geplanten körperlichen Aktivität – Insulin verabreichen. Auch wenn die Betroffenen sehr motiviert sind, ist es unvermeidbar, dass es im Alltag zu schädlichen Blutzuckerschwankungen (Unter- und Überzuckerung) kommt. Es braucht innovative Strategien, um die Stoffwechselkontrolle zu optimieren.

Mit wem arbeiten Sie dafür zusammen?
Die Forschungsideen erarbeite ich mit meinem Betreuer, Professor und Klinikdirektor Christoph Stettler. Für die Umsetzung arbeite ich eng mit anderen Abteilungen des Inselspitals und Institutionen der Universität Bern zusammen. Ausserdem kooperiere ich mit den Universitäten Lausanne, Cambridge (UK), Graz (A) und Innsbruck (A).

Was fasziniert Sie bei Ihrer Forschung besonders?
Ich arbeite gerne kreativ und interdisziplinär. Es gefällt mir, aus einem medizinischen Problem eine Forschungsfrage zu generieren, daraus eine passende Methodik und das entsprechende Studiendesign zu bestimmen und Studienergebnisse im klinischen Kontext zu überprüfen.

Wofür interessieren Sie sich ausserhalb Ihrer Forschung?
Wichtig sind mir meine Familie und meine Freunde. Ich betreibe gerne Sport und interessiere mich für Kunst.

Welches ist Ihre nächste Station?
Nach Abschluss meines PhD werde ich meine klinische Ausbildung zur Fachärztin Diabetologie/Endokrinologie weiterverfolgen. Daneben möchte ich weiter forschen mit dem Ziel, dereinst meine eigene Forschungsgruppe zu gründen, eingebettet in einem internationalen Netzwerk.

Was möchten Sie erreichen in Ihrem Leben?
Schön wäre es, wenn meine Forschungen zu einem Erfolg führen würden und damit zahlreiche Patienten von einer verbesserten Lebensqualität profitieren könnten.

Kontakt

Dr. med. Lia Bally
Universitätsklinik für Diabetologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin & Metabolismus (UDEM)
Inselspital
3010 Bern
Email: lia.bally@insel.ch

GoCARB in Kürze

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«GoCARB» ist eine App für Smartphones, die automatisch den Kohlenhydrat-Gehalt einer Mahlzeit berechnet. Sie soll es Diabetikern ermöglichen, ihre Mahlzeiten besser zu planen und ihren Blutzucker einfacher zu kontrollieren. Diabetiker müssen vor jeder Mahlzeit die benötigte Insulindosis schätzen. Dies ist so zeitintensiv wie komplex. Wer die Kohlenhydrate nicht korrekt schätzt, über- oder unterschätzt unter Umständen die benötigte Insulindosis, was zu einem zu hohen oder zu niedrigen Blutzuckerspiegel führt – mit negativen Folgen für die Gesundheit. Hier soll die GoCARB-App künftig Abhilfe schaffen: Wer mit dem Smartphone die Mahlzeit fotografiert, erhält automatisch deren Kohlenhydratgehalt angezeigt. Entwickelt wurde GoCARB von der Diabetes Technology Group des ARTORG Center for Biomedical Engineering der Universität Bern in enger Zusammenarbeit mit dem Inselspital, dem Universitätsspital Bern, sowie mit Roche Diabetes Care Inc (Indianapolis, USA) und Roche Diabetes Care GmbH (Mannheim, Deutschland). Noch ist die GoCARB-App nicht erhältlich. Die Weiterentwicklung des Prototyps zu einem käuflichen Produkt ist gegenwärtig in Diskussion.

GoCARB als europäisches Verbundprojekt

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Die Forschungskooperationen der «Marie Curie Industry-Academia Partnerships and Pathways» der EU sind nach der aus Polen stammenden zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Skłodowska-Curie benannt. Unterstützt wird die Zusammenarbeit von nichtkommerziellen und kommerziellen Forschungsorganisationen in gemeinsamen Projekten. Ziel ist die Förderung des Wissenstransfers zwischen Hochschulen und Unternehmen. GoCARB wurde unter dem 7. Forschungsrahmenprogramm der EU (2007–2013) mit 942 000 Euro unterstützt; das Projekt wurde Ende 2015 abgeschlossen. 

GoCARB umfasst Partner aus den blau eingefärbten Ländern.

Sommerserie: Forschen im Netzwerk

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Das Interview mit Lia Bally ist im Wissenschaftsmagazin UniPress Nr. 168 erschienen zusammen mit einem ausführlichen Bericht über GoCARB von Projektkoordinatorin Stavroula Mougiakakou. In weiteren Berichten und Interviews kommen Menschen zu Wort, die an der Universität Bern in europäischen Forschungsverbünden tätig sind. 

Zum Artikel über GoCARB

Zur Gesamtausgabe UniPress Nr. 168

Zum Autor

Timm Eugster ist Redaktor bei UniPress.

14.07.2016