Sommerserie: Georgia Salanti und die Biostatistik

Die diesjährige Sommerserie in «uniaktuell» ist fünf jungen Forschenden an der Uni Bern gewidmet, die an europaweiten Projekten beteiligt sind. Heute im Fokus: die angehende Professorin Georgia Salanti, die mit moderner Biostatistik im Rahmen des Projekts OPERAM hilft, die beste medizinische Behandlung für ältere Menschen mit mehreren Krankheiten zu finden.

Von Timm Eugster

Wer sind Sie und woher kommen Sie?
Ich bin Georgia Salanti, 39 Jahre alt, aus Griechenland. Ich habe in Athen Mathematik und in Brüssel Epidemiologie studiert und anschliessend in München in Statistik promoviert. Letzten Herbst wechselte ich an die Universität Bern, wo ich demnächst eine assoziierte Professur für Biostatistik und Epidemiologie antreten werde.

Was machen Sie?
Ich leite das Arbeitspaket 6 des OPERAM-Projekts. In diesem fassen wir mit modernsten statistischen Methoden Erkenntnisse aus bestehenden Studien zusammen, um die sichersten und effektivsten medizinischen Behandlungen für ältere Menschen zu finden – etwa bei Stürzen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zudem bin ich am EU-Projekt «GetReal» beteiligt, das den Entwicklungsprozess von Medikamenten effizienter gestalten will. Seit meinem Umzug nach Bern habe ich eine Förderung der Europäischen Kommission erhalten; zudem beginnt im Herbst mein Nationalfonds-Projekt, bei dem wir neuartige statistische Methoden erarbeiten werden, um selten auftretende negative Folgen von Medikamenten besser untersuchen zu können.

Warum ist dies wichtig?
Die Weltgesundheitsorganisation WHO unterstreicht, wie wichtig es ist, die vorhandenen Ergebnisse aus klinischen Studien mit verlässlichen Methoden zu überprüfen, bevor neue diagnostische Massnahmen oder Behandlungen eingeführt werden. Ich erforsche Methoden, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in der Medizin effizienter zusammengefasst und damit besser statistisch abgesichert werden können. Wir wollen Patientinnen und Ärztinnen mit dem aktuellsten und bestmöglich abgesicherten Wissen versorgen, damit sie eine Basis für gute Entscheidungen haben.

Mit wem arbeiten Sie zusammen?
Im Arbeitspaket 6 von OPERAM sind Anna Chaimani und Dimitris Mavridis von der Universiät Ioannina (Griechenland) tätig. Ausserdem arbeiten wir sehr eng mit den Forschenden des Arbeitspakets 5 von der «G. d'Annunzio»-University of Chieti-Pescara in Italien zusammen.

Was fasziniert Sie bei Ihrer Forschung besonders?
Ich bin Mathematikerin: Der grösste Teil meiner Arbeit besteht darin, statistische Modelle zu entwickeln und damit zu rechnen. Viele Menschen würden dies zu abstrakt und sogar langweilig finden. Allerdings finde ich es faszinierend, wenn theoretische mathematische Überlegungen, statistische Modelle und reale Daten zusammenspielen, um eine Antwort auf eine wichtige praktische Frage zu finden: «Welche medizinische Behandlung ist die beste?»

Wofür interessieren Sie sich ausserhalb Ihrer Forschung?
Früher hatte ich viele Hobbies wie Tauchen, Yoga und Malen. Jetzt habe ich eine 15 Monate alte Tochter, die meine Freizeit in Anspruch nimmt. Aber wenn sie abends schläft, kann ich immer noch ein gutes Buch lesen.

Welches ist Ihre nächste Station?
Wenn die aktuellen Projekte abgeschlossen sind, werden bereits neue da sein: Ich habe zu viele Forschungsideen, aber zu wenig Zeit!

Was möchten Sie erreichen in Ihrem Leben?
Ich bin einer dieser Menschen, die ohne bestimmten Plan durchs Leben wandert. Ich nehme einen Tag nach dem anderen, versuche das Leben zu geniessen und möchte anderen Menschen helfen, es ebenfalls zu geniessen.

Kontakt

Dr. Georgia Salanti
Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM)
Finkenhubelweg 11
3012 Bern
Email: georgia.salanti@ispm.unibe.ch

OPERAM in Kürze

Teaser

Das Ziel von OPERAM ist es, die Über- und Fehlverschreibung von Medikamenten an ältere Patienten zu reduzieren. «Eine falsche Medikation kann gefährlich sein», sagt der Berner Professor Nicolas Rodondi, der das Projekt koordiniert: «Etwa drei Prozent der Todesfälle sind auf unangemessene Verordnungen und unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen.» Die meisten älteren Menschen weisen multiple chronische Krankheitsbilder – eine sogenannte Multimorbidität – auf und müssen deshalb mehrere Medikamente einnehmen. Multimorbide Patienten seien jedoch oft von randomisierten Studien ausgeschlossen, so Rodondi, und die meisten ärztlichen Richtlinien beträfen nur Einzelkrankheiten. Im Rahmen von OPERAM wird nun bei 1900 multimorbiden älteren Patienten ein Computerprogramm getestet, das die Ärztinnen und Ärzte unterstützt, die im Einzelfall richtigen Medikamente in der richtigen Dosis zu verschreiben. Damit sollen medikamentenbedingte Spitaleinweisungen verringert, die Lebensqualität der Betroffenen verbessert und die Gesundheitskosten um jährlich mehrere Millionen Euro pro Land reduziert werden.

OPERAM als europäisches Verbundprojekt

Teaser

Das europäische Verbundprojekt OPERAM ist Teil des EU-Förderprogramms «Horizon 2020». Verbundprojekte umfassen mindestens drei Institutionen aus drei Mitgliedstaaten oder assoziierten Ländern. An OPERAM sind neun Institutionen aus sieben Ländern beteiligt; koordiniert wird das Projekt von der Universität Bern. Das Projekt begann 2015 und dauert bis 2020. Die Mittel für die europäischen Partner stammen von der EU, die Schweizer Partner werden direkt durch das Schweizerische Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI unterstützt. Die Schweiz gilt beim EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 zurzeit nur noch als teilassoziierter Staat, Schweizer Projektpartner erhalten deshalb teilweise keine Finanzierung mehr von der EU.

OPERAM umfasst Partner aus den blau eingefärbten Ländern.

Sommerserie: Forschen im Netzwerk

Teaser

Das Interview mit Georgia Salanti ist im Wissenschaftsmagazin UniPress Nr. 168 erschienen zusammen mit einem ausführlichen Bericht über OPERAM. In weiteren Berichten und Interviews kommen Menschen zu Wort, die an der Universität Bern in europäischen Forschungsverbünden tätig sind. 

Zum Artikel über OPERAM

Zur Gesamtausgabe UniPress Nr. 168

Zum Autor

Timm Eugster ist Redaktor bei UniPress.

28.07.2016