Sommerserie: Eddy Bekkers und die neuen Barrieren im Welthandel

Die diesjährige Sommerserie in «uniaktuell» ist fünf jungen Forschenden an der Uni Bern gewidmet, die an europaweiten Projekten beteiligt sind. Heute im Fokus: Der Niederländer Eddy Bekkers, der vor eineinhalb Jahren zusammen mit dem PRONTO-Projekt (Productivity, Non-Tariff Measures and Openness) aus Österreich an die Universität Bern kam. Subventionen, Qualitätsstandards, Umweltnormen oder Gesundheitsvorschriften: Solche Schutzmassnahmen schränken das Prinzip des freien globalen Handels zunehmend ein. Wem nützen und wem schaden diese Massnahmen? Dies erforscht Eddy Bekkers im Rahmen von PRONTO.

Von Timm Eugster

Wer sind Sie und woher kommen Sie?
Ich bin Eddy Bekkers, 38 Jahre alt, komme aus den Niederlanden und arbeite als Postdoktorand am World Trade Institute WTI. Ich habe meinen Master in Ökonomie und Ökonometrie in Amsterdam gemacht und in Rotterdam doktoriert. Danach habe ich während sechs Jahren als Assistenzprofessor im österreichischen Linz gearbeitet, bevor ich vor eineinhalb Jahren in die Schweiz kam.

Warum haben Sie sich für die Universität Bern entschieden?
Ich hätte in Linz bleiben können, doch ich wollte eine Veränderung. Ich dachte, karrieretechnisch wäre es sinnvoll, in der Schweiz Erfahrungen zu sammeln. Schweizer Universitäten haben einen guten Ruf. Ich erhielt die Möglichkeit und ich habe mich entschieden, sie zu packen.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Entscheidung?
Ja. Der einzige Nachteil ist, dass ich in Linz eine Festanstellung erhalten hätte, während der Vertrag mit PRONTO auf drei bis vier Jahre beschränkt ist.

Was ist Ihre Rolle im PRONTO-Projekt?
Ich untersuche den Einfluss von nichttarifären Massnahmen (NTMs) auf Handelsströme und Wohlfahrt, indem ich aufgrund der empirischen Daten theoretische Modelle erstelle und Simulationen durchführe. Momentan bin ich mit einer Arbeit beschäftigt, in der wir die wirtschaftlichen Vorteile des Handels in Allgemeinen, aber auch die Wohlfahrtseffekte der NTMs in verschiedenen Handelsmodellen vergleichen. Ich konzentriere mich weniger auf die Details auf Landesebene, sondern vielmehr auf übergreifende Daten. Der grösste Teil meiner Forschung besteht darin, Modelle zu erstellen, Softwares zu programmieren oder Daten zu schätzen. Von administrativer Arbeit bin ich weitestgehend befreit.

Warum ist Ihre Arbeit wichtig?
Sie dient als Input für Entscheidungsträger in der Politik – und zwar auf drei Ebenen: Unilateral, wenn beispielsweise die Schweiz ihre Landwirtschaftspolitik überdenkt. In bilateraler Hinsicht, etwa wenn die Schweiz über ein Freihandelsabkommen verhandelt. Und in multilateraler Weise, wenn beispielsweise die WTO über ein Paket zur Handelsförderung entscheidet.

Mit wem arbeiten Sie zusammen?
Ich arbeite hauptsächlich mit Joseph Francois, meinem Vorgesetzten, sowie auch mit Co-Autoren am WTI und von andernorts, etwa in den Niederlanden und Österreich. Zum Beispiel arbeite ich mit Leuten aus Wien an einer Studie, in der wir untersuchen, inwiefern NTMs die Qualität von Konsumgütern steigern. Die Kollegen aus Wien haben die empirischen Untersuchungen gemacht, doch sie wollen auch Simulationen durchführen – und darauf bin ich spezialisiert. Meine Arbeit ist jedoch typisch für einen Postdoktoranden: Meist ist man auf sich alleine gestellt.

Was fasziniert Sie bei Ihrer Arbeit besonders?
Am meisten fasziniert es mich im Moment, zu erkären, wie verschiedene Modelle unterschiedliche Resultate hervorbringen. Dies gerade bei der Frage, wie sich reduzierte Handelskosten – beispielsweise wegen eines neuen Freihandelsabkommens oder einer Reduktion von NTM‘s – auf die öffentliche Wohlfahrt auswirken.

Was interessiert Sie ausserhalb der Forschung?
Vor allem Politik und Sport – Laufen und Radfahren.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Als ich in die Schweiz kam, wollte ich so hart arbeiten wie möglich, um eine Anstellung an einer holländischen Universität zu erhalten. Ich fühle mich aber ziemlich wohl in der Schweiz und werde vielleicht versuchen, mir ein Forschungsstipendium zu sichern, um am WTI bleiben zu können.

Kontakt

Dr. Eddy Henricus Bekkers
World Trade Institute (WTI)
Hallerstrasse 6
3012 Bern
Email: eddy.bekkers@wti.org

PRONTO in Kürze

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Seit mehr als fünfzig Jahren konzentrieren sich die internationalen Bemühungen darauf, Zölle auf Importe und Exporte zu reduzieren, um den globalen Handel und das Wirtschaftswachstum zu fördern. Doch nachdem jahrzehntelang Handelshemmnisse abgebaut wurden, sind seit der Jahrtausendwende neue Hürden errichtet worden – durch sogenannte nichttarifliche Massnahmen (NTMs). Diese beinhalten «harte Massnahmen» wie beispielsweise Preis- und Qualitätskontrollen und Subventionen zum Schutz des Binnenmarkts, aber auch Regulationen und Standards zum Schutz der öffentlichen Gesundheit und der Umwelt. All diese Massnahmen beeinflussen den Aussenhandel und können Entwicklungsländer diskriminieren. Hier setzt das europäische Projekt PRONTO (Productivity, Non-Tariff Measures and Openness) an, das von der Universität Bern koordiniert wird: Es untersucht seit 2014, welche Auswirkungen die steigende Anzahl nichttariflicher Massnahmen (NTMs) auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität haben.

PRONTO als europäisches Verbundprojekt

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Das europäische Verbundprojekt PRONTO ist Teil des 7. Forschungsrahmenprogramms der EU (FP7) im Bereich Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften. An PRONTO sind elf akademische Partner aus acht Ländern beteiligt; koordiniert wird das Projekt von der Universität Bern. Dazu kommen sechs externe Partner: Die Welthandels- und Entwicklungskonferenz der UNO, die International Trade Commission und die Welthandelsorganisation WTO in Genf, die Generaldirektion «Handel» der Europäischen Kommission in Brüssel, die Weltbank in Washington DC sowie die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD in Paris. Das Projekt begann 2014 und dauert bis 2018, das Budget beträgt 2,5 Millionen Euro.

PRONTO umfasst Partner aus den blau eingefärbten Ländern.

Sommerserie: Forschen im Netzwerk

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Das Interview mit Eddy Bekkers ist im Wissenschaftsmagazin UniPress Nr. 168 erschienen zusammen mit einem ausführlichen Bericht über PRONTO. In weiteren Berichten und Interviews kommen Menschen zu Wort, die an der Universität Bern in europäischen Forschungsverbünden tätig sind. 

Zum Artikel über PRONTO

Zur Gesamtausgabe UniPress Nr. 168

Zum Autor

Timm Eugster ist Redaktor bei UniPress.

21.07.2016