Sommerserie: Dort, wo die Quinoa wächst

Seit Quinoa in Europa und den USA auf dem Speisezettel steht, ist das Pseudogetreide zum einträglichen Geschäft für die bolivianischen Kleinbauern geworden. Sabin Bieri untersucht, wie die Preis-Hausse auf dem Weltmarkt das Leben der Menschen in den traditionellen Dorfgemeinschaften verändert.

Von Sabin Bieri

Doña Andrea antwortet ohne zu zögern: «Das Wichtigste für die Produktion von Quinoa ist eine schöne Ch’alla.»

Wir stehen auf 3700 Höhenmetern im bolivianischen Altiplano, in der Provinz Potosí, keine zwei Stunden von der chilenischen Grenze entfernt. Eine schlicht atemberaubende Landschaft macht sich vor uns breit. Am Horizont die Sechstausender der Andenkette, davor die Ausläufer des riesigen Salzsees von Uyuni. Von dort reisten wir heute an, direkt vom Flughafen, wo wir um 7 Uhr morgens gelandet waren. 45 Minuten Flugzeit ab La Paz – oder eine neunstündige Fahrt per Bus und Zug: So erreichen wir unser Forschungsfeld.

Diesmal sind wir zu viert unterwegs. Elizabeth Jimenez Zamora, Forschungsverantwortliche im Programm für ländliche Entwicklung an der Universidad Mayor de San Andrés, koordiniert die Projektaktivitäten in Bolivien. Da Osterferien sind, hat sie Fernando mitgenommen, ihren 12-jährigen Sohn. Auch ich habe diesmal meine Tochter dabei. Ich möchte diesen Feldaufenthalt nutzen, um ihr meine Arbeit, die sich einer 13-Jährigen nicht so einfach erschliesst, näher zu bringen.

Am Rand des Salzsees liegt eine Siedlung, flache Lehmhäuser, wie hingestreut. Gut sichtbar sind ein Dutzend Neubauten mit Wellblechdächern, die aus dem von Evo Morales, dem bolivianischen Präsidenten, angeregten Solidaritätsprogramm finanziert wurden. Es ist Erntezeit, das Dorf ist wie ausgestorben. Bloss ein paar Schulkinder hüpfen in ihren Uniformen mit Strickjäckchen aus Alpacawolle durch die staubigen Strassen von San Pedro de Quemez.

Mitten in den Quinoa-Feldern, zwei Kilometer vom Dorfzentrum entfernt, überblicken wir den mit satten Rottönen, braun, rosa und gelb überzogenen Hügelzug. Ein paar Autos stehen am Rand der Felder. Überall Leute, welche die Quinoa-Pflanzen aus der Erde reissen und sie zu hüfthohen Haufen auftürmen. So werden die Garben während zwei Wochen unter der harten Wintersonne getrocknet.

Das Ehepaar Don Mauricio und Doña Andrea bietet uns Coca Cola zum Trinken und Cocablätter zum Kauen an. Die Blätter, deren Konsum hierzulande legal ist, spielen auch bei der «Ch’alla» eine wichtige Rolle. Doña Andrea spricht das «Ch» schnalzend aus, ein typischer Laut für die Quetschua-Sprache. Coca, die am tropischen Osthang der Anden angebaut wird, gehört zum Rauchopfer, das der Pachamama gewidmet ist, damit sie empfänglich wird für die Saat. Alles, was in eine gute Ch’alla gehört, lässt sich am «mercado de las brujas», dem Hexenmarkt beziehen: Kräuter, Samen, kleine Gegenstände, ja gar Teile von getrockneten Tierkadavern.

Für die Ernte kommen alle zurück

Die Ch’alla von Doña Andrea und Don Mauricio zeigte Wirkung: Der Regen kam rechtzeitig und ausreichend. Die Halme sind schwer behangen. Die Quinoa ist die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg des Paars. Ihre sechs Kinder haben alle studiert, vier von ihnen wohnen im drei Stunden Autofahrt entfernten Uyuni, zwei sind nach Chile ausgewandert. Doch sie alle kommen zurück, um bei der Ernte anzupacken. Wie viele andere, die das Dorf ihrer Eltern verlassen haben, und aufgrund der Hausse des Quinoa-Preises Land von der Dorfgemeinschaft beanspruchen. Eine Entwicklung, die nicht alle im Dorf begrüssen.

Seit Quinoa boomt, ist das Pseudogetreide zum einträglichen Geschäft für die bolivianischen Kleinbauern geworden. So einträglich, dass sich das marginale Auswanderungsgebiet zum Magneten für Quinoa-Produzenten sowie zu einem Ziel von Saisonarbeitern entwickelt hat. «Für einen Quintal Mehl bezahlten wir früher drei Quintal Quinoa», erklärt mir Doña Andrea. «Heute kann ich mir für einen Quintal Quinoa alles Mögliche kaufen: Zucker, Teigwaren, Reis.» Quinoa kommt bei ihr selten auf den Tisch – daran ändert auch die vom Präsidenten lancierte Kampagne zur Ankurbelung des heimischen Quinoa-Konsums nichts. Lieber isst die Familie von Doña Andrea Teigwaren oder Mais, die günstig zu haben sind.

Das Paar ist zufrieden, obwohl der Preis diese Saison tiefer liegt als im Jahr zuvor. Die Peruaner steigerten ihren Quinoa- Export massiv und rücken bereits nahe an Boliviens Stellung als wichtigste Exportnation heran. «Niemand produziert eine vergleichbare Quinoa wie wir hier in Potosí », gibt sich Don Mauricio zuversichtlich. Sein Problem ist eher seine Lamaherde. Seit er sich ausschliesslich auf die Quinoaproduktion konzentriert und die Anbaufläche ausgedehnt hat, findet er kaum noch Zeit, sich um die 150 Tiere zu kümmern.

Vielleicht sind es Don Mauricios Tiere, die bei Sonnenuntergang am Hotel vorbei ziehen, in dem wir die heutige Nacht verbringen. Eine alte Hirtin treibt sie vor sich her, unterstützt von einem Jungen auf einem klapprigen Fahrrad sowie von ein paar Hunden. Sie spuckt ihre zerkaute Coca-Kugel aus, als sie meine Kamera erblickt, und bedeutet mir, dass sie für ein Foto Geld verlangen würde.

Beim Bürgermeister

Am nächsten Tag steht ein Gespräch mit dem Bürgermeister an. Es dauert mehrere Stunden, bis der Alcalde auftaucht, denn auf den Abend ist eine EU-Delegation angekündigt, und die ganze Gemeinderegierung ist mit den Vorbereitungen beschäftigt. Wir sprechen derweil auf der Plaza mit dem Stellvertreter der traditionellen Dorfautorität, dem Corregidor. Er weist auf Probleme der gemeinschaftlich bewirtschafteten Böden hin, die der Quinoa-Boom ausgelöst hat. Die Gemeinde sucht neue Formen, wie die Rückkehrer in die tradierten Regulierungssysteme eingebunden werden können.

Als wir uns ein weiteres Mal mit Sonnenschutzmittel einreiben und sich bei mir, bedingt durch die Höhe, Kopfschmerzen ankündigen, trifft der Alcalde ein. Wir streben eine Vereinbarung mit der Gemeinde an, so dass wir unsere Forschung auf der Basis einer gemeinsamen Interessenserklärung durchführen können. Zur Zeit der Aussaat möchten wir für eine erste quantitative Datenerhebung auf Haushaltsebene hierher zurückkehren, eine vertiefte qualitative Analyse soll folgen, bevor die Befragung wiederholt wird. Der Alcalde erhofft sich von unserer Arbeit neue Einsichten für die Entwicklungsstrategie des Dorfes, in der die Quinoa neben der Lamazucht, dem Abbau von Mineralien sowie dem Tourismus eine Schlüsselrolle spielt. Zwar wird er sein Amt in drei Monaten seinem Nachfolger übergeben. Da dieser derselben Partei angehört, dürfen wir auf Kontinuität hoffen.

Gebratenes Lama bei Doña Maria

Für das Mittagessen nehmen wir in einem kleinen Restaurant Platz, dem einzigen im Dorf. Doña Maria bringt Suppe, Quinoa und in Öl gebratenes Lama. Meine Tochter löffelt tapfer die Suppe, auf der Fettaugen schwimmen, und auch mich kosten die strengen Aromen Überwindung. Ein paar Tage später werden wir bei Chris in Uyuni kräftig zulangen. Der Amerikaner verlegte seinen Pizzastand wegen der Liebe kurzerhand von Boston nach Uyuni, wo er Touristen aus aller Welt mit knusprig belegten Pizzen beglückt. In der Stadt stehen weitere Gespräche mit Produzentenvereinigungen und Nichtregierungsorganisationen an, die uns den Zugang zum Feld erleichtern und wichtige Kontextinformationen liefern sollen. Unser Vorhaben trifft nicht auf ungeteilte Zustimmung. Die Berater sorgen sich, dass wir ausschliesslich akademische Ergebnisse produzieren, die ihrer Kundschaft, den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, keinen Mehrwert bringt.

Nach der Rückkehr nach La Paz steht ein Vortrag am Institut an, in dem Elizabeth arbeitet. Wir stellen unser Projekt vor und informieren aus den anderen Forschungsregionen. Die Kolleginnen und Kollegen sind sehr interessiert – und fragen kritisch nach. Nach der lebhaften Diskussion verabschieden wir uns zum Mittagessen. Der Nachmittag beginnt nach einer langen Pause mit Präsentationen von Studierenden. Erst um 20 Uhr verlassen wir die Universität und fahren mit der Seilbahn in den höher gelegenen Stadtteil, wo Elizabeth und ihr Sohn in einem Hochhaus wohnen. Mit der Seilbahn lässt sich der Verkehrsstau während der Stosszeiten vermeiden, deshalb hat Elizabeth kürzlich beschlossen, das Auto künftig zu Hause stehen zu lassen. Als wir ihre Wohnung im 8. Stock betreten, ist bereits angerichtet. Christina, die Hausangestellte, hat alles vorbereitet. Bei einem Teller Quinoa mit Salat und Fisch geniessen wir die Aussicht über diese Stadt, die sich über 1000 Höhenmeter erstreckt, dahinter schimmern die schneebedeckten Gipfel der 6000 Meter hohen Andenkette.

Informationen zum Projekt

Teaser

Sabin Bieri, 44, aus Bern, Head of Multidimensional Disparities Cluster, Centre for Development and Environment (CDE)

Ort:

San Pedro de Quemez in der Provinz Potosí, Bolivien

Projekt:

Exportorientierte Landwirtschaft verspricht mehr Ertrag als Kleinbauernbetriebe und sie bietet Erwerbsarbeit für die ländliche Bevölkerung im globalen Süden, namentlich für Frauen. Ob sich der Wechsel von der Selbstversorgung zur Exportproduktion längerfristig auszahlt, und wie die Lebensqualität der betroffenen Familien beeinflusst wird, untersucht das Projekt «Feminization, Agricultural Transition and Rural Employment». Wahrend sechs Jahren vergleichen lokale Forschungsinstitutionen die Situationen in Bolivien, Laos, Nepal und Ruanda für je unterschiedliche Produkte. Ziel der Studie ist es, die Rahmenbedingungen zu identifizieren, die notwendig sind, um für die ländliche Bevölkerung echte und längerfristige Perspektiven zu schaffen. Damit soll verhindert werden, dass die von der Politik geförderte Modernisierung der Landwirtschaft zur Armutsfalle wird.

Finanzierung:

Schweizerischer Nationalfonds SNF und Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA im Rahmen des «R4D – research for development»-Programms

Kontakt:

Dr. Sabin Bieri, Centre for Development and Environment (CDE), sabin.bieri@cde.unibe.ch

Mehr Informationen:

 

The Swiss Programme for Research on Global Issues for Development
Centre for Development and Environment (CDE)

 

Sommerserie: Forschen in der Welt

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Sie durchstreifen den Himalaja, tauchen im Tanganyikasee oder wandeln unter indonesischen Palmen: In der «uniaktuell»-Sommerserie «Forschen in der Welt» berichten acht Forscherinnen und Forscher vom Alltag und ihren Erkenntnissen aus aller Welt. Die Berichte sind auch in der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins «UniPress» nachzulesen.

18.08.2015