Sommerserie: Daten sammeln, wo der Pfeffer wächst

Mit der Piroge, dem Offroader und zu Fuss ist Julie Zähringer im kaum zugänglichen Nordosten Madagaskars unterwegs, um die Daten für ihre Doktorarbeit zusammenzutragen. Wenn sie als erste Weisse seit der Kolonialzeit in den Dörfern ankommt, ist die Überraschung riesig – die Freude nicht immer auf Anhieb.

Von Julie Zähringer

Sobald das kleine Flugzeug der Air Madagascar auf der holprigen Piste des Flughafens Maroantsetra zwischen Reisfeldern mit grasenden Zeburindern aufgesetzt hat und die Tür geöffnet wird, schwappt ein Schwall feuchtheisser, nach Vanille, Nelken und Pfeffer duftender Luft herein. Der Nordosten Madagaskars gehört zu den noch am wenigsten erschlossenen Gegenden der Welt, ist er doch auf dem Landweg kaum zugänglich. Der Distrikthauptort Maroantsetra ist ein idealer Ausgangspunkt für Expeditionen ins Landesinnere – und die Heimat von Paul Clément Harimalala, meinem Forschungsassistenten, Übersetzer und Logistiker.

Für meine Dissertation zum Verständnis von Landschaftsveränderungen auf regionaler Ebene benötige ich Informationen zur Landnutzung der lokalen Bauern. In Madagaskar gibt es bis jetzt leider keinen genügend detaillierten landwirtschaftlichen Zensus, deshalb muss ich die benötigten Daten selber erheben.

Der logistische Aufwand für die Datensammlung ist gross, denn die Dörfer der Region sind nur zu Fuss erreichbar. Ausserdem müssen sämtliche Lebensmittel wie auch die Campingausrüstung mitgeschleppt werden. Wir unternehmen deshalb von Maroantsetra aus mehrere zweiwöchige Expeditionen in verschiedene Dörfer im Landesinnern. Oft wird der erste Teil dieser Expeditionen mit einer Piroge (Einbaum) auf einem der zahlreichen Flüsse oder im Offroader auf der einzigen Strasse der Region entlang der Küste absolviert, bevor es zu Fuss weiter geht. Was hier als Nationalstrasse bezeichnet wird, ist jedoch eine katastrophale Buschpiste, die immer wieder durch Flüsse unterbrochen wird. In diesen Momenten sind Chauffeur und Lotse gefordert, die das Auto durch eine möglichst seichte Stelle im Fluss oder auf ein zusammengezimmertes Floss navigieren müssen. An den wenigen Orten mit einer staatlichen Fähre wird das Benzin für die Überfahrt direkt mit dem Mund aus dem Tank unseres Autos gesogen, während daneben seelenruhig geraucht wird…

Illegaler Rosenholzhandel

Wir werden dort, wo wir ins Landesinnere abzweigen möchten, abgesetzt und suchen nach jungen Männern, die wir als Träger anheuern. Die Verhandlungen sind oft mühsam, da der in der Region grassierende illegale Rosenholzhandel zu einem horrenden Anstieg der Tageslöhne geführt hat. Sind die Träger gefunden, wird das Gepäck an Bambusrohren festgezurrt und los geht es im Gänsemarsch in die dicht bewachsenen Hügel hinein. Das Marschtempo ist zügig, sind sich die Madagassen doch gewohnt, weite Strecken zu Fuss bewältigen zu müssen. Die sengende Sonne wechselt sich ab mit tropischen Regengüssen.

Zu Fuss unterwegs ins Studiendorf mit Trägern, die in langwierigen Verhandlungen überzeugt werden konnten, uns zu begleiten

Normalerweise erreichen wir das erste der Studiendörfer nach einem Tagesmarsch. Dann suchen wir die Hütte des Dorfchefs auf und warten, bis dieser von der Arbeit in den Reisfeldern zurückkehrt. Die Dorfbewohner sind über unseren Besuch stets sehr überrascht, da eine Ankündigung ohne Mobilfunknetz und funktionierender Post schwierig ist. Nachdem Paul Clément Harimalala unser Anliegen, mit der Dorfbevölkerung zu arbeiten, ausführlich erklärt hat, erhalten wir vom Chef meistens schnell die Bewilligung. Dabei hilft, dass Paul als älterer Mann, der wie der Grossteil der Lokalbevölkerung von der Ethnie der Betsimisaraka stammt, respektiert wird. Denn gerade in Dörfern, die nahe bei Schutzgebieten liegen, sind die Leute oft sehr misstrauisch gegenüber Ausländern und auch gegenüber Madagassen aus anderen Regionen des Landes.

Der Ältestenrat wird einberufen

Aber es kann auch anders kommen, wie im Dorf Banda. Dort weigert sich der Dorf-Chef zunächst kategorisch, uns im Dorf zu beherbergen. Zudem will er uns in den Hauptort der Gemeinde schicken, der zwei Tagesmärsche entfernt liegt, um eine Bewilligung des «Bürgermeisters» einzuholen. Da viele Leute nur schlecht schreiben und lesen können, nützt auch die mitgebrachte schriftliche Forschungserlaubnis des Umweltministeriums wenig.

Nach langem Hin und Her wird beschlossen, dass zuerst der Ältestenrat tagen muss, um eine Entscheidung zu treffen. Immerhin bekommen wir die Erlaubnis, uns für die Nacht niederzulassen. Wir können unsere Zelte unter dem schützenden Blechdach eines halb fertig gebauten Holzhauses aufstellen. Dank dem Spektakel einer mit einem Zelt hantierenden weissen Frau bildet sich bald ein enger Kreis aus Alt und Jung um uns herum. In vielen der besuchten Dörfern bin ich seit dem Ende der Kolonialzeit die erste weisse Person im Dorf, was insbesondere bei den Kindern eine Mischung aus Schaudern und Neugier hervorruft. Eine Frau fragt erstaunt, auf welchem Weg denn die Vaza (Fremde) das Dorf erreicht habe, da sich die Kolonialherren früher anscheinend in Sänften in die Dörfer tragen liessen. Auch beim täglichen Bad im Fluss oder beim Filtern von Flusswasser zum Trinken bleibe ich selten lange alleine, denn die Kinder warten mit dem Abwasch oder der Körperhygiene immer gerne, bis auch ich das steile Flussufer hinabsteige.

Mit dem Segen der Ahnen

In Banda findet am nächsten Tag eine Ahnenzeremonie statt, deshalb kann der Ältestenrat erst danach zusammenkommen. Dafür werden wir zur Zeremonie eingeladen, die auf dem Feld einer Familie stattfindet, welche vor einiger Zeit zwei Familienmitglieder verloren hat. Mit der Opferung von zwei Zebus nimmt die Familie mit den Ahnen Kontakt auf und holt ihren Segen für die Gesundheit ein. Dazu wird Reis gegessen, der in riesigen Töpfen gekocht wird, und lokaler Zuckerrohrschnaps gebechert. Da nach diesem Tag niemand mehr in der Verfassung ist, eine wichtige Entscheidung zu treffen, wird der Ältestenrat erneut um einen Tag verschoben.

Schliesslich erhalten wir die Erlaubnis und können mit der Arbeit beginnen. Vor Beginn wird durch den Ruf des Muschelhorns die gesamte Dorfbevölkerung versammelt, um sie über den Sinn und Zweck unserer Arbeit zu informieren. Es reicht aber nicht, dass Paul auf Madagassisch spricht. Die Dorfbevölkerung fordert lautstark, die Stimme der Vaza zu hören und so muss auch ich eine kleine Rede halten.

Um die Veränderungen der Landschaft und die aktuelle Landnutzung besser zu verstehen, diskutieren wir zunächst mit einer Gruppe von älteren Dorfbewohnern den Wandel seit der Kolonialzeit. Wir zeichnen eine Karte des Dorfes, die zeigt, welcher Haushalt welche Arten von Landnutzung betreibt und interviewen zusätzlich einzelne Haushalte im Detail. Nach jeder Expedition, die uns in zwei, drei Dörfer führt, kehren wir nach Maroantsetra zurück, um die gesammelten Daten in den Computer einzutippen und die nächste Mission zu planen.

Obwohl auch im Distrikthauptort das Wasser zum Duschen aus dem Brunnen geschöpft werden muss, im Garten Orchideen wachsen, Chamäleons der Stromleitung entlang spazieren und fast alle Strassen aus Sand bestehen, kommt durch die lebendige Marktatmosphäre so etwas wie ein Stadtgefühl auf. Aber spätestens vor der Abreise wird man sich wieder bewusst, wie isoliert diese Gegend ist. Denn hier wartet man vor dem Abflug nicht im Terminal des Airports, sondern zu Hause – bis man das Flugzeug anfliegen hört, das Maroantsetra zweimal die Woche mit der Hauptstadt Antananarivo verbindet.

Informationen zum Projekt

Teaser

Julie Zähringer, 29, aus Kreuzlingen, Doktorandin, Centre for Development and Environment (CDE)

Ort:

Maroantsetra ist eine Stadt an der Nordostküste der Insel Madagaskar in der Region Analanjirofo und Provinz Toamasina. Die Stadt liegt am nördlichen Ende der Bucht von Antongil (15° 26’ S, 49° 45’ O).  

Projekt:

Die biodiversitätsreichen Wälder im Nordosten Madagaskars sind durch die fortschreitende Ausbreitung der Landwirtschaft, insbesondere die Brandrodung für den Anbau von Berg-Reis, bedroht. Durch eine Kombination von Satellitenbildanalyse und sozioökonomischen Daten wird versucht, den Landschaftswandel der letzten 16 Jahre sowie gegenwärtige Ansprüche verschiedener Akteure an Ökosystemleistungen besser zu verstehen. Ziel ist, eine Datenbasis zu schaffen für zukünftige Verhandlungen zur Verminderung von Landnutzungskonflikten.

Finanzierung:

Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern

Kontakt:

Julie Zähringer, Centre for Development and Environment, julie.zaehringer@cde.unibe.ch

Weitere Infos:

Centre for Development and Environment (CDE)

21.07.2015