«Diese Kampagne hat meinen Blick auf die Herausforderungen des Klimawandels erweitert»

Thomas Stocker, Professor für Umwelt- und Klimaphysik an der Universität Bern, möchte am 5. Oktober im kroatischen Dubrovnik von 195 Ländern zum Chef des Weltklimarats IPCC gewählt werden. Im Interview erzählt er, weshalb er dazu um die Welt tourt und jeweils in zehn Tagen sechs Länder bereist.

Interview: Kaspar Meuli

«uniaktuell»: Thomas Stocker, Sie stehen mitten im Wahlkampf für den wichtigsten Job in der Klimaforschung. Fühlen Sie sich wie ein Präsidentschaftskandidat?
Thomas Stocker: Nein, das kann man überhaupt nicht vergleichen. Was ich mache, ist nicht eine klassische Wahlkampagne, sondern eine Tour durch eine grosse Anzahl von Ländern, um mich als Person und als Wissenschaftler vorzustellen. Ich will dabei im persönlichem Kontakt die Prioritäten vorstellen, die ich für die Zukunft des IPCC sehe. Ich will diese Vorschläge mit meinen Gesprächspartnern diskutieren, und ich will mir anhören, wie man in diesen Ländern denkt und welches ihre Anliegen sind.

Wie gedenken Sie die Vertreter dieser Länder davon zu überzeugen, dass Sie der geeignete Kandidat für den Posten als Chef des Weltklimarats IPCC sind?
Ich bin seit 17 Jahren im IPCC tätig, und seit 2008 leitete ich zusammen mit meinem chinesischen Kollegen eine von drei Arbeitsgruppen. Ich möchte die Vertreter davon überzeugen, dass ich auch gestützt auf meine berufliche Erfahrung ein Kandidat bin, dem man zutrauen kann, die Organisation innovativ und effektiv durch die nächsten sieben Jahre zu führen.

Welche Kompetenzen braucht denn ein Vorsitzender des Weltklimarats?
Vor allem sollte er ein Wissenschaftler mit breitem Horizont sein. Er braucht gute Kommunikationsfähigkeiten, er muss zuhören können, und er muss die Organisation durch Motivation, gutes Beispiel und effizientes und pragmatisches Management voranbringen.

Worin unterscheiden sich die fünf Kandidaten? Gibt es grosse inhaltliche Unterschiede bei ihren Plänen für die Zukunft des Weltklimarats?
Ich setze mich nicht detailliert mit dem Programm der anderen Kandidaten auseinander, sondern konzentriere mich auf meine Schwerpunkte. Diese habe ich allen Ländern vorgestellt – und darauf habe ich von den Entscheidungsträgern bisher ein ausgezeichnetes Echo erhalten.  Ich habe offenbar genau die Punkte getroffen, die auch ihnen ein grosses Anliegen sind.

Das wären?
Der erste betrifft verständliche und prägnante Kommunikation; der zweite die wissenschaftliche Sorgfalt und die Belastbarkeit unserer Einschätzungen, die es beizubehalten und auszubauen gilt; und drittens brauchen wir mehr regionale Klimainformationen, wenn wir auch in Zukunft Gewicht haben wollen. Lösungen für die Probleme des Klimawandels werden auf regionaler Ebene entwickelt. Deshalb sind wir auch unbedingt darauf angewiesen, dass Wissenschaftler aus den Regionen, die vom Klimawandel besonders stark betroffen sind, im IPCC mitarbeiten.

Sie sind ein vielgereister Mann, aber soviel wie in den letzten Monaten waren Sie wohl noch nie unterwegs?
Ich durcherlebe tatsächlich eine sehr spezielle Zeit. Zum Teil habe ich in zehn Tagen sechs verschiedene Länder besucht. Nach Abschluss meiner letzten Tour, die heute Abend* beginnt, werde ich 30 Länder bereist haben. Mit Vertretern von zehn weitern Ländern war ich telefonisch in Kontakt.

Empfinden Sie es als Widerspruch, dass Sie als Klimaforscher oft auf das Flugzeug als Transportmittel angewiesen sind?
Das ist kein Widerspruch, sondern in dieser speziellen Phase leider eine Notwendigkeit.

Wer kommt eigentlich für die Kosten Ihrer Kampagne auf?
Meine Spesen sind Teil der Unterstützung, die mir das Bundesamt für Umwelt in den vergangenen sieben Jahren als Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe I gewährt hat.

Ist Ihnen die Schweiz auch darüber hinaus behilflich?
Sehr sogar. Meine Nomination zum Kandidaten für den IPCC-Vorsitzend stützt sich auf einen Bundesratsbeschluss. Ich werde von einem kleinen Team des Eidgenössischen Amts für auswärtige Angelegenheiten unterstützt, das auf internationale Kandidaturen spezialisiert ist und den Kontakt zu den Botschaften herstellt. Ohne die Hilfe der Schweizer Botschaften vor Ort, die meine Treffen organisieren, wäre meine Vorstellungstour gar nicht möglich.

Haben Sie eigentlich Freude an dieser Kampagne, oder denken Sie manchmal: Hätte ich mich bloss nie um dieses Amt beworben!
Natürlich gibt es Momente, da wäre ich lieber im Institut oder bei meiner Familie. Aber diese Phase beschränkt sich ja auf vier, fünf Monate. Vor allem aber: Ich profitiere extrem viel von den Gesprächen, die ich führe. Es ist höchst lehrreich, für einen kurzen Moment mit den spezifischen Bedürfnissen und Sorgen all dieser Länder konfrontiert zu sein.

Hat sich Ihr Blick auf die Folgen des Klimawandels dadurch verändert?
Ich war schon zuvor sehr gut informiert, aber mein Blickwinkel hat sich bestimmt erweitert. Ich habe nun zum Beispiel ein viel tieferes und direkteres Verständnis davon, vor welcher Herausforderung Länder stehen, die einerseits ihre wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben wollen und andererseits Klimaschutz betreiben und mit den Folgen des Klimawandels fertig werden müssen.


* Das Interview wurde am 31. August in Bern geführt.

Zur Person

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Thomas Stocker wurde 1959 in Zürich geboren. Sein Studium der Umweltphysik an der ETH Zürich schloss er 1987 mit einem Doktorat ab. Nach Forschungsaufenthalten an der University College London, der McGill University, Montreal, der Columbia University, New York, sowie der University of Hawaii, Honolulu wurde er 1993 zum (ordentlichen) Professor für Klima- und Umweltphysik an der Universität Bern ernannt. Seine Forschung umfasst unter anderem die Entwicklung von Klimamodellen und die Rekonstruktion von Treibhausgaskonzentrationen der Vergangenheit anhand von Eisbohrkernen aus Grönland und der Antarktis. Für seine Arbeit erhielt er 2006 den Ehrendoktor der Universität von Versailles und 2009 die Hans Oeschger-Medaille der European Geosciences Union. Drei Jahre später wurde er zum Fellow der American Geophysical Union gewählt. Thomas Stocker war «Coordinating Lead Author» des dritten und vierten Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC. Seit 2008 ist er Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe I für den fünften Sachstandsbericht.

Kontakt: 

Prof. Dr. Thomas Stocker, Physikalisches Institut, Klima- und Umweltphysik (KUP), stocker@climate.unibe.ch

Weiterführende Links:

Physikalisches Institut, Klima- und Umweltphysik (KUP)
Webseite von Thomas Stocker

08.09.2015