Gute Berner Plädoyers vor dem Probegericht

Packende Plädoyers und Überzeugungskraft sind im juristischen Schlagabtausch ebenso wichtig wie die Sach- und Rechtskenntnis. Jedes Jahr messen sich Jus-Studierende am «Vienna Moot Court» in einem fiktiven Schiedsgerichtsverfahren. 2015 gewann das Berner Team zwei Preise und erreichte die Top 64 – ein grosser Erfolg.

Von Thomas Koller und Martin Zimmermann

Das diesjährige Berner Jus-Team, bestehend aus Julia Aeschbacher, Soham Astik, Flavio Brockmann, Natalie Lisik, Caroline Miescher und Michael Schifferli, konnte sich Anfang April im mündlichen Wettbewerb des «Vienna Moot Court» durchsetzen und schaffte es unter die besten 64 der rund 300 teilnehmenden Teams. Astik und Schifferli erhielten zudem je einen Preis für die besten Plädoyers («Best Oralist»). «Damit wurde das ausgezeichnete Resultat der Berner Teams noch gekrönt», sagt Thomas Koller zufrieden. «Denn diese Auszeichnung geht an weniger als 10 Prozent aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer.»

Koller ist Professor im Zivilistischen Seminar und organisiert jährlich die Berner Delegation am Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot, kurz Vienna Moot Court. Dabei handelt es sich um den weltweit grössten und renommiertesten Wettbewerb für Jus-Studierende im Bereich des Zivil- und Wirtschaftsrechts, genauer im Bereich des UN-Kaufrechts und im Recht der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit. Die Veranstaltung, die jeweils in der Woche vor Ostern in Wien stattfindet, wird laut Koller oft als «the olympics of international trade law» bezeichnet. Jährlich nehmen Teams von Universitäten aus der ganzen Welt teil – das Berner Team wurde von Christoph Brunner, Pascale Koester, Marius Stucki und Caroline von Graffenried – alle Mitarbeitende am Zivilistischen Seminar – trainiert.

 

Fingierte Klageschriften

Rund ein halbes Jahr vor dem Wettbewerb werden den Teilnehmenden die Materialien zu einem erfundenen Streitfall ausgegeben. Diese bestehen aus dem Briefwechsel der Parteien mit dem fingierten Schiedsgericht und den vorgelegten Beweisstücken. Gestützt auf diese Unterlagen ist eine Klageschrift zu erstellen und einzureichen. Diese «Memoranda for Claimant» werden dann an andere Teams verteilt, die darauf aufbauend eine Klageantwort («Memorandum for Respondent») verfassen müssen.

Im Anschluss an den Schriftenwechsel treffen sich die vier bis sechsköpfigen Teams – viele davon aus dem englischen Sprachraum – zum mündlichen Wettbewerb in Wien. Jedes Team trägt seine Argumente vor einem dreiköpfigen Schiedsgericht vor und tritt dabei zweimal als Klägerin und zweimal als Beklagte auf. Als Schiedsrichter beteiligen sich Richter, Professorinnen und Anwälte aus aller Welt, die zum grossen Teil beruflich in echten Schiedsgerichtsverfahren mitwirken. Die «Amtssprache» sowohl für die Schriftsätze als auch für die mündlichen Verhandlungen ist Englisch.

Natalie Lisik und Julia Aeschbacher vor dem Moot Court
Natalie Lisik und Julia Aeschbacher vor dem Moot Court Bilder: Zivilistisches Seminar

Geschickte Antworten auf Einwürfe

Das Schiedsgericht fällt kein Sachurteil, sondern bewertet nur die Qualität der Plädoyers und ihre Überzeugungskraft. «Neben der Sach- und Rechtskenntnis wird besonders auf die Fähigkeit geachtet, präzise, flexibel und sachfundiert auf das Plädoyer des Gegners oder auf Zwischenfragen der Richter zu reagieren und konkret zu antworten», so Koller. Anhand einer Punktebewertung werden die 64 besten Teams ermittelt, die in den Finalrunden aufeinander treffen. Das Berner Team schied hier gegen Sao Paolo, Brasilien, aus. Am Ende der Verhandlungen steht ein Final zwischen den zwei besten Teams in der Wiener Messehalle – heuer waren dies die University of Ottawa, Kanada, und die Singapore Management University. Gewonnen hat Ottawa. Welchen Rang die Uni Bern erreicht hat, wird laut Koller übrigens erst in einigen Wochen bekannt gegeben.

21.04.2015