«Dürrenmatt zu lesen war eine herrlich unbequeme Erfahrung»

Wendy Law-Yone ist die vierte Friedrich Dürrenmatt Gastprofessorin an der Universität Bern. Anlässlich der Auftaktveranstaltung zu ihrem Gastsemesters erzählte die burmesische Autorin am 22. September im Haus der Universität von ihrer literarischen Verbindung zu Dürrenmatt und zur deutschen Sprache, sie las Auszüge aus ihrem Werk «Irrawaddy Tango» und sprach mit der Anglistin Virginia Richter und dem Komparatisten Oliver Lubrich.

Von Delia Imboden

Virgina Richters Vergleich zu Beginn des Abends hat es in sich: «Wer einen von Wendy Law-Yones Romane gelesen hat, etwa The Coffin TreeIrrawaddy Tango oder The Road to Wanting, wird mir zustimmen, dass sie zu den Hüterinnen der Integrität der englischen Sprache gehört wie einst Kafka für das Deutsche.» Die Dekanin der Philosophischen-historischen Fakultät stellt die 1947 in Mandalay, Burma geborene Autorin zudem «in eine Reihe mit jenen Schriftstellern, die im eigentlichen Sinne der Weltliteratur angehören, als Grenzgänger und Vermittler zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen.»

«Die deutsche Sprache gab mir Halt und Struktur»

Einen Blick auf Wendy Law-Yones Biografie bestätigt Richters Beschreibung der Autorin als Grenzgängerin und Vermittlerin zwischen Sprachen und Kulturen: Wendy Law-Yone wuchs im postkolonialen Burma auf, das 1948 seine Unabhängigkeit erlangt hatte. Nach einem Militärputsch 1962 wurde ihr Vater Edward Michael Law-Yone, Gründer und Herausgeber der wichtigsten englischsprachigen Zeitung Burmas, The Nation, aus politischen Gründen verhaftet. Dieses Ereignis bestimmte Wendy Law-Yones junges Leben massgeblich: sie konnte in der Folge nicht wie geplant in Kalifornien Musik studieren und wurde auch vom Studium an der Universität Rangoon ausgeschlossen. «Um mich herum herrschte das Chaos», erinnert sich die Autorin, doch «die deutsche Sprache gab mir Halt und Struktur.» Während den Deutschkursen, die vom Goethe Institut wie vom deutschen akademischen Austauschdienst (DAAD) in Rangoon wochentags angeboten wurden, konnte Law-Yone ihrem Alltag entfliehen und eine Welt der Regeln und Bestätigung erfahren. Sie beschreibt die Bedeutung des Deutschen für ihr Leben in Graham Greenes Worten als «eine Tür, die sich plötzlich öffnet und die Zukunft herein lässt.»

Über die Lyrik fand die spätere Schriftstellerin einen Zugang zur deutschen Literatur. In Goethes Gedichten erkannte sie ihre Situation als Dissidentin wieder. Mit viel Feingefühl rezitiert sie in ihrem auf Englisch gehaltenen Vortrag Goethes «Harfenspieler» aus Wilhelm Meisters Lehrjahren in elegantem Deutsch:

«Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte…»

Entsetzen und Vergnügen

Doch nicht nur die Auseinandersetzung mit Goethes Lyrik, sondern auch Law-Yones Liebe zu Dürrenmatt fanden ihre Anfänge am Goethe Institut Rangoon, das bald nach dem Putsch von 1962 geschlossen werden musste. In seiner Bibliothek, welche die junge Deutsch-Studentin zu räumen half, kam sie in Kontakt mit Der Richter und sein Henker und Der Besuch der alten Dame. Als Dürrenmatt Gastprofessorin erinnert sie sich, wie sie von der Sprache, dem Ton, aber auch dem Inhalt von Der Richter und sein Henker überrascht war, da Dürrenmatts Werk sich von allen anderen deutschsprachigen Prosabüchern, die sie bis anhin gelesen hatte, absetzte. Dürrenmatt zu lesen war für sie eine «herrlich unbequeme Erfahrung», bei der sie sich nicht recht entscheiden konnte, ob sie Bärlachs irritierende Auffassungen von Gerechtigkeit und Moral teilen konnte oder nicht. Auch die Hauptfigur im Besuch der alten Dame, Claire Zachanassian, löste bei Law-Yone «zugleich Entsetzen und Vergnügen aus», wie sie den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern anvertraut. Sie erzählt, wie sie Zachanassians «Exzesse» liebte, ihre «Vergeltungsgelüste» nachvollziehen konnte, aber unter all der Extravaganz andererseits auch «das Schlagen eines schwer verletzen Herzens», spürte, «eines Herzens, dem nie Heilung zuteil wurde, eines Herzens, das vor allem aus Schichten noch nicht verheilten Narbengewebes bestand».

Diktatur und Exil als zentrale Themen

Als Zwanzigjährige floh Wendy Law-Yone aus Burma, das sie in ihrem Vortrag als «das einzige Zuhause, das ich je kannte», beschreibt, in die USA. Dort spielte Dürrenmatt ein weiteres Mal eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Ohne Bescheinigung eines burmesischen Schulabschlusses erkundigte sich Law-Yone an der Eckerd University in St. Petersburg, Florida, über die Möglichkeiten der Immatrikulation. Man liess sie zur Eintrittsprüfung für das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft zu, bei der sie einen Essay zu Dürrenmatts Besuch der alten Dame zu verfassen hatte. Diesem Essay habe sie es zu verdanken, dass sie in den USA studieren konnte.

Nach ihrem Vortrag liest die bislang noch nicht ins Deutsche übersetzte Autorin einen Auszug aus ihrem Buch Irrawaddy Tango, der nicht leicht verdaulich ist – auf Deutsch. Die Übersetzung hat sie selbst mit Hilfe eines deutschen Freundes angefertigt. Es handelt sich um eine Szene aus einem burmesischen Gefängnis, die autobiografisch geprägt ist: «In einem Käfig zu leben, offenbart aussergewöhnliche Dinge. Die Tatsache, dass ein Mensch richtig einnicken und sogar träumen kann, während er in einem Käfig sitzt, inmitten seiner eigenen Ausscheidungen, mit Urin in einer Ecke und Scheisse in einer anderen. Am Anfang dreht sich einem natürlich der Magen um, und das zivilisierte Wesen in einem protestiert.»

Zu den wichtigsten Themen in Wendy Law-Yones Werk gehören die Erfahrungen der Diktatur und des Exils, das Leben zwischen Ost und West sowie die Auswirkung der turbulenten Geschichte Burmas auf die individuellen Schicksale seiner multiethnischen Bevölkerung. Auf die Frage, was sie mit ihrem Schreiben bewirken möchte, zitiert Law-Yone Kafka: «Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.» Zum Abschluss ihrer eindrücklichen Erzählungen bedankt sich Wendy Law-Yone selbstironisch bei Friedrich Dürrenmatt: «Thanks to Dürrenmatt for the Visit of This Old Lady to Bern.»

Zur Person

Teaser

Wendy Law-Yone 

(Foto: Vanessa Gavalya)

1947 in Mandalay, Burma, geboren, lebte Law-Yone seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr in den USA. Dort arbeitete sie als Journalistin und veröffentlichte die zwei von der Kritik gefeierten Romane, The Coffin Tree (1983) und Irrawaddy Tango (1993), in denen sie u.a. die Ängste und Erfahrungen verschiedenster Exil-Burmesen in den USA thematisiert. Ein Stipendium der University of East Anglia brachte Law-Yone 2002 als «David T.K. Wong Creative Writing Fellow» nach Grossbritannien, wo sie seither auch an der School of Oriental and African Studies (SOAS) der Universität London unterrichtet. In Grossbritannien veröffentlichte Law-Yone ihren dritten Roman, The Road to Wanting (2010), welcher für den renommierten Orange Prize nominiert wurde. 2001 und 2012 gelang es Law-Yone, nach über dreissig Jahren im Exil, nach Burma zurück zu kehren. Diese Erfahrungen ermöglichten es ihr, ihr jüngstes Werk fertigzustellen. In Golden Parasol: A Daughter’s Memoir of Burma (2013) orientiert sich Law-Yone am Leben ihres Vaters, um auf beeindruckende Weise die Verknüpfung ihrer Familiengeschichte mit der kolonialen und postkolonialen Geschichte Burmas darzustellen. Unter grossem Interesse der dortigen Medien wurde Golden Parasol jüngst zum ersten Werk Wendy Law-Yones, das ins Burmesische übersetzt wurde.

Kontakt:

Wendy Law-Yone 
Institut für Germanistik
Länggassstrasse 49
3012 Bern
Tel.: +41 31 631 83 11
wendy.law-yone@germ.unibe.ch

Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur

Der Name Friedrich Dürrenmatt steht für eine vielseitige Weltliteratur in Bern: Der aus dem Kanton stammende Schriftsteller, der an der Universität Bern studierte, verfasste Prosatexte und Essays sowie Arbeiten für Theater und Radio, die in zahlreichen Zusammenhängen und Sprachen wahrgenommen wurden. Im Herbst 2013 wurde an der Universität Bern die Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur eingerichtet. Sie dient der Vermittlung zwischen Wissenschaft und Literatur, Theorie und Praxis, Universität und Öffentlichkeit. Seit dem Frühjahr 2014 unterrichtet in jedem Semester eine internationale Autorin oder ein internationaler Autor als Gast des Walter Benjamin Kolleg an der Universität Bern. Sie oder er gibt eine Lehrveranstaltung, die sich an alle Studierenden der Philosophisch-historischen Fakultät richtet. Zusätzlich zu den Seminaren oder Vorlesungen der Friedrich Dürrenmatt Gastprofessoren werden universitäre und öffentliche Veranstaltungen in Bern sowie an anderen Orten in der Schweiz angeboten. Die Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur wird verwirklicht mit Unterstützung der Stiftung Mercator Schweiz. Sie wird gefördert durch die Burgergemeinde Bern.

Die burmesische Autorin Wendy Law-Yone ist die vierte Friedrich Dürrenmatt-Gastprofessorin. Ihre Vorgänger waren im Frühjahr 2014 David Wagner (Berlin), im Herbst 2014 Joanna Bator (Warschau) und im Frühjahr 2015 Louis-Philippe Dalembert (Haiti).

Kontakt:

Prof. Dr.  Oliver Lubrich
Institut für Germanistik
Länggassstrasse 49
3012 Bern
Tel.: +41 31 631 83 11
oliver.lubrich@germ.unibe.ch

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29.09.2015