«Die Akzeptanz von Tanz im universitären Bereich ist grösser geworden»

Der Weiterbildungsstudiengang DAS/MAS «TanzKultur» wird nach 13 Jahren nicht mehr an der Universität Bern angeboten. Am Freitag, 11. September 2015 wurde das Finale mit Performances und der Vernissage der Publikation «vielfältig – hartnäckig – weitblickend. 13 Jahre TanzKultur» gefeiert. Im Interview erzählt die ehemalige Studienleiterin Margrit Bischof, was sie vor 13 Jahren bewogen hat, das Weiterbildungsangebot ins Leben zu rufen und was von ihrem Engagement bleibt.

Interview: Brigit Bucher

«uniaktuell»: Margrit Bischof, warum haben Sie vor 13 Jahren Weiterbildungsstudiengang TanzKultur ins Leben zu rufen?
Margrit Bischof: In Deutschland gab es einen regelmässigen Austausch von Gleichgesinnten, die wie ich Tanz im Sportbereich an Universitäten lehrten. Wir bildeten uns weiter und lernten dadurch internationale Expertinnen und Experten kennen. Das wollte ich auch in der Schweiz einrichten, denn auf universitärer Ebene gab es nichts Vergleichbares. Zudem wollte ich den Zertifikatskurs «Tanzen in der Schule», eine 2-jährige berufsbegleitende Fortbildung für tanzinteressierte Lehrpersonen, den es in Bern bereits gab und den ich stark mitgeprägt hatte, für die universitäre Stufe adaptieren – mit mehr Wissenschaft, Kunst und Bildung. Und als dritter Punkt war da meine Neugier: Ich war hungrig nach mehr Wissen und Austausch. Denn Tanzschaffende sind oft Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer, sei es künstlerisch, pädagogisch oder forschend; sie haben wenig Zeit, in andere Gebiete hineinzuschauen. Das Weiterbildungsangebot sollte dies ändern und sich sowohl aus wissenschaftlicher Perspektive – kulturgeschichtlich, bildungskulturell, soziologisch, politisch, ästhetisch und publizistisch – dem Phänomen Tanz nähern wie auch aus den Handlungsfeldern choreografieren/konzipieren, lehren/lernen/vermitteln, projektieren/managen und rezipieren. Entsprechend vielfältig war der Kreis der Teilnehmenden: von Choreografierenden über Kulturmanagerinnen und –manager bis hin zu Forschenden. Es kamen Architekten, Juristen, Biologinnen, Volkswirtschafterinnen, Philosophinnen, alle mit einem grossen Interesse für Tanz. Der Studiengang brachte Menschen unterschiedlichster Tanzcouleurs miteinander in Kontakt und vernetzte sie.

Mit dem Ende Ihres institutionellen Engagements an der Universität Bern wird das Angebot eingestellt. Aus welchem Grund? Und was bleibt von Ihrem Einsatz für den Tanz?
«TanzKultur» war am Institut für Sportwissenschaft angesiedelt und galt als Pionierleistung. Inzwischen hat sich die Weiterbildungslandschaft verändert, die Tanzwissenschaft hat an Bedeutung gewonnen und es existieren neue Vernetzungen zwischen Tanzwissenschaft, Tanzkunst und der Tanzbildung. Es ist an der Zeit, das Konzept zu überdenken. Da Weiterbildungen auch stets dem Markt und den Bedürfnissen von Teilnehmenden angepasst werden sollten, ist mit meinem Weggang die Chance da, die Homebase ans Institut für Theaterwissenschaft zu wechseln und ein neues Konzept auszuarbeiten. Durch die vielfältige, hartnäckige, weitsichtige Vorarbeit – so der Titel der neusten Publikation aus der TanzKultur – ist sicher die Akzeptanz von Tanz im universitären Bereich grösser geworden. Ich stelle auch fest, dass sich durch mehr Wissen im Tanz und dem Hinaustreten an die Öffentlichkeit der Dialog in unserer Gesellschaft um die Kunst- und Bildungschancen von Tanz positiv verändert – dies weiterzutragen ist nun die Aufgabe all der Absolvierenden von «TanzKultur».

Die Liste der Dozierenden, Gastprofessorinnen und Gastprofessoren, die unterrichteten, ist eindrücklich und zeugt sicherlich auch von Ihrer persönlichen Vernetzung in der internationalen Tanzszene. Hatten Sie auch Studierende aus verschiedenen Ländern?
Ich bin glücklich, dass es uns gelungen ist, viele bedeutende Personen aus der deutschsprachigen Tanzwissenschaft nach Bern einzuladen – und alle kamen gerne. Die internationalen Kontakte konnte ich an Tagungen, Symposien und Kongressen knüpfen. Die Tanzszene in der Schweiz ist überblickbar, doch auch hier galt es, Personen zu finden, die sich über ihre künstlerische oder pädagogische Arbeit austauschen wollten. Im Studiengang wurde mehrheitlich auf Deutsch unterrichtet, entsprechend hatten wir Studierende aus dem deutschsprachigen Raum, aber auch aus der Romandie und sogar aus Griechenland, Russland und Japan.

Was wird Ihnen in besonders guter Erinnerung bleiben? Und welches war die schwierigste Herausforderung?
Obwohl wir an der Uni mit dem Interesse an Tanzwissenschaft und -forschung zunächst Exotinnen waren, zeigt sich doch heute allmählich eine Anerkennung und Wertschätzung, eine Nachfrage und Neugier –  das freut mich sehr. In bester Erinnerung bleiben mir unsere Inszenierungen jeweils zu Eröffnung und Abschluss eines Studiengangs mit Tanzperformances, interaktiven Formaten und lebendigen Referaten. Schwierig waren dagegen die Finanzen. Wir konnten mit den Studiengebühren das Weiterbildungsprogramm nicht selbsttragend gestalten, denn Teilnehmende aus dem Kunst-, Kultur- und Tanzbereich verfügen meist über wenig Einkommen und erhalten vom Arbeitgeber kaum Unterstützung, entsprechend mussten unsere Gebühren angepasst sein. Zum Glück bin ich in all den Jahren immer wieder weitblickenden und mutigen Personen und Institutionen begegnet, die dieses innovative Projekt finanziell unterstützten, ohne genau zu wissen, wohin der Weg führte. Dazu gehört auch die Universität Bern mit ihrem Innovationsfonds!

Bleiben Sie mit der Universität Bern und der Tanzszene auch nach dem Ende von «Tanzkultur» verbunden?
Meine Erfahrung beim Aufbau und Entwicklung von Weiterbildungsprogrammen kann ich zur Zeit für das mögliche Nachfolgeprodukt «MAS3 Dance/Performing Arts» am Institut für Theaterwissenschaft einbringen. Auch bleibe ich Mitglied bei der ERFA-Gruppe des Zentrums für universitäre Weiterbildung ZUW, die einen Erfahrungsaustausch für Studienleitende und Programmverantwortliche anbietet.
Die Begeisterung für den Tanz lässt einen nicht mehr los! Wenn ich nicht grad selber Salsa tanze oder mich mit meiner eigenen Tanzkompanie «Cie Faltenwurf» zeitgenössisch bewege, besuche ich leidenschaftlich gerne Tanzvorstellungen. Die vielen Teilnehmenden des Studiengangs haben mir die Augen für die Vielfalt von Bühnentanz geöffnet und mich in ihren Bann gezogen. Und als zukünftige Präsidentin der Kommission für Theater und Tanz des Kantons Bern bin ich geradezu aufgefordert, bei Inszenierungen und Tagungen dabei zu sein. Und wer weiss, was noch alles Bewegendes auf mich zukommt...

Zur Person

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Margrit Bischof

Margrit Bischof, in Bern geboren, besuchte das Seminar Marzili, unterrichtete an der Primarschule Vielbringen bei Rüfenacht und studierte danach Sport an der Universität Bern. In Köln liess sie sich an der Deutschen Sporthochschule weiter ausbilden. Als Dozentin für Tanz, Gymnastik, darstellendem Spiel und Didaktik des Schulsports an der Pädagogischen Hochschule Bielefeld und an der Universität Bielefeld besuchte sie Weiterbildungen, um sich mit der Vielfalt an Erscheinungsformen des Tanzes vertraut zu machen. Von 1982 bis 2013 führte sie als Dozentin an der Universität Bern Studierende der Sportwissenschaft in die Praxis und Theorie des Tanzes ein. Zusätzlich engagierte sie sich von 1983 bis 2005 in der Projektgruppe «Tanz in der Schule» der Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung des Kantons Bern und konzipierte zusammen mit dem Team den Zertifikatsstudiengang Tanzen in der Schule. Um die Jahrtausendwende konzipierte sie federführend das Weiterbildungsprogramm TanzKultur an der Universität Bern. 2002 wurde das erste Nachdiplomstudium TanzKultur angeboten, das später umbenannt wurde in ein DAS (Diploma of Advanced Studies) und dem 2010 eine erste Durchführung eines MAS (Master of Advanced Studies) folgte. Im September 2015 wird das Weiterbildungsangebot eingestellt. Margrit Bischof ist Organisatorin von internationalen Kongressen und Tagungen und publiziert als Herausgeberin und Autorin im Bereich der Tanzpädagogik und Tanzforschung.

Homepage: www.bischoftanz.ch

Kontakt: margrit.bischof@ispw.unibe.ch

Publikationen

vielfältig – hartnäckig – weitblickend
13 Jahre Tanz Kultur
Eine Sammlung aus dreizehn Jahren Weiterbildungsstudiengang TanzKultur 2002-2015 an der Universität Bern.

Margrit Bischof, Bettina Glauser (Hg.) 2015. 127 S. 2farbig. Brosch. ISBN 978-3-033-05131-7. CHF 10.00, erhältlich in der Buchhandlung Paul Haupt Bern.

Visionäre Bildungskonzepte im Tanz
Kulturpolitisch handeln – tanzkulturell bilden, forschen und reflektieren

Margrit Bischof, Regula Nyffeler (Hg.) 2014. 237 S., 42 Farbabb. Geb. CHF 38.00 / EUR 34.00. ISBN 978-3-0340-1225-6

17.09.2015