Ausgezeichnet für bahnbrechende Arbeit zum menschlichen Einfluss auf das Klimasystem

Die Klimatologin Prof. Dr. Gabriele Hegerl nahm anlässlich des Dies academicus den mit 100'000 Franken dotierten Hans-Sigrist-Preis der Universität Bern in Empfang. Hegerl wurde ausgezeichnet für ihre Forschung zum menschlichen Einfluss auf das Klimasystem. «uniaktuell» konnte beim traditionellen Interview der Hans-Sigrist-Stiftung mit der Preisträgerin dabei sein.

Von Brigit Bucher

Erstmals in Berührung gekommen mit dem Thema Klimawandel ist Gabriele Hegerl als begeisterte Alpinistin, erzählt sie im Gespräch mit der Geschäftsführerin der Hans-Sigrist-Stiftung und mit «uniaktuell». Auf Wanderungen und Skitouren in den Bergen wurde ihr bewusst, dass sich die Gletscher immer weiter zurückziehen; auf den Karten den Schweizer Alpen Clubs, die sie ausgeliehen hatte, reichten sie noch viel weiter nach unten. Heute ist Hegerl eine renommierte Forscherin auf dem Gebiet der Klimaveränderung. So hat sie insbesondere dazu beigetragen, den durch den Menschen verursachten Klimawandel mit ihrer Forschung zu identifizieren und zu quantifizieren. 

Von der Mathematik zur Klimatologie

Nach ihrem Studium der Mathematik und einem PhD in angewandter Mathematik an der Ludwig-Maximillans-Universität in München hat Hegerl sich am Max-Planck Institut für Meteorologie in Hamburg beworben. Weil sie es spannend fand, herauszufinden, ob es in Klimadaten Beweise gibt für den menschgemachten Klimawandel, wie sie selber sagt. Auch heute beschäftigt sie sich in ihrer Forschung damit, welche Schwankungen in den Daten auf den Klimawandel zurückzuführen sind und welchen Einfluss Faktoren wie der Ausstoss von Treibhausgasen auf das Klimasystem haben. Hinzu kommt, dass die vom Menschen verursachten Klimaveränderungen unterschieden werden müssen von Veränderungen, die durch Wetter- und Klimavariabilität entstehen, oder von Änderungen in natürlichen Faktoren wie der Sonneneinstrahlung. 2001 wurde sie Assoziierte Forschungsprofessorin an der Duke University, North Carolina. Seit 2009 ist Hegerl Professorin in Climate System Science an der University of Edinburgh.

Langjähriges Engagement für den Weltklimarat

Wichtig ist Gabriele Hegerl ihr langjähriges Engagement für den Weltklimarat IPCC, der für die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger wissenschaftliche Forschungsergebnisse zur Entwicklung des Klimas aufbereitet. Hegerl war Lead-Autorin in den IPCC Klima-Sachstandsberichten AR3 (2001), AR4 (2007) und AR5 (2013) und Mitglied des Core Writing Teams des IPCC AR5 Synthese Reports (2014), wo sie eines von vier Themen leitete und an drei Plenarsitzungen beteiligt war, in denen der Bericht von den Regierungen diskutiert und angenommen wird. Sie erzählt, dass der Prozess, bis so ein Bericht steht, sehr spannend sei. «Man arbeitet mit den besten Forscherinnen und Forscher aus dem Gebiet der Klimatologie zusammen. Das heisst auch, dass man das Thema aus verschiedensten Perspektiven beleuchtet und am Ende zu einem Konsens gelangen muss – zu Aussagen, hinter denen alle Involvierten stehen können.»

«Der Klimawandel ist nicht etwas, woran man glauben kann oder auch nicht»  

Politikerinnen und Politiker sollten viel längerfristiger denken, findet Hegerl. Während einer Legislaturperiode ändere sich nicht viel: «Wenn wir etwas gegen den Klimawandel tun, ist das nicht unmittelbar spürbar. Erst unsere Kinder und Enkelkinder werden davon profitieren. Sie werden aber auch den Preis bezahlen müssen, wenn wir nichts unternehmen. Jedoch glaube ich daran, dass der Mensch dank seinem Erfindergeist das Problem angehen kann.»

Sorgen bereitet Hegerl, dass es einen gewissen Skeptizismus zu geben scheint gegenüber Expertenmeinungen. Entscheide müssten auf der Basis von soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen getroffen werden. Sie findet, viele unserer Probleme und Herausforderungen seien so komplex, dass wir nicht umhinkommen, uns auf das Urteil von Expertinnen und Experten zu verlassen. Sie sagt, der Klimawandel sei nicht einfach ein Mythos oder etwas, woran man glauben könne oder auch nicht. Es sei schliesslich – beruhend auf Daten, Modellen und Analysen – wissenschaftlich erwiesen, dass der Klimawandel stattfinde. Sie sagt aber auch, es sei nicht an ihr als Wissenschaftlerin, der Politik konkrete Ratschläge zu erteilen: «Aufgabe der Politik ist es, sorgfältig zwischen verschiedenen Bedürfnissen abzuwägen und Lösungen zu erarbeiten. Als Wissenschaftlerin kann ich aber darauf hinweisen, dass wir den Klimawandel ernst nehmen müssen, wenn wir nicht in einigen Jahren einen hohen Preis bezahlen wollen».

«Der Hans-Sigrist-Preis ist eine Bestätigung für meine Anstrengungen»

Und was verbindet sie mit der Uni Bern? Sowohl sie als auch ihr verstorbener Mann Thomas Crowley, der ebenfalls Klimaforscher war, hätten oft mit den Klimaforschenden in Bern zusammengearbeitet. An der NCCR Climate Summer School des Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR) der Uni Bern war sie als eine der Hauptreferentinnen 2011 in Grindelwald eingeladen. Und 2015 dozierte sie an einer Konferenz an der Uni Bern zum zweihundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Vulkans Tambora. Hegerl sagt, sie schätze den fachlichen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen in Bern. Sowieso arbeitet sie gerne mit anderen Forschenden zusammen. Eine Fragestellung aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven zu beleuchten, gemeinsam zu diskutieren, sei inspirierend.

Und was wird sie mit dem Preisgeld machen? Sie lacht und sagt, sie habe sich bereits auf der Reise nach Bern gedacht, dass sie darauf eine Antwort haben müsste. Ihre Forschung ist teilweise finanziert durch einen ERC-Grant, der in einem Jahr ausläuft. Hegerl hat eine relativ grosse Forschungsgruppe. Das Geld ist also willkommen. Sie freut sich darauf, ihre Forschung zu extremen Wetterereignissen und deren Zusammenhang mit dem Klimawandel weiter voranbringen zu können. Der Preis bedeutet für Gabriele Hegerl aber vor allem Anerkennung für ihre Forschung. «Der Hans Sigrist-Preis ist eine schöne Bestätigung dafür, dass meine Forschung wahrgenommen wird und dass sich meine Anstrengungen letztlich doch lohnen», sagt die sympathische Forscherin in ihrer bescheidenen Art.  

Zur Person

Teaser

Prof. Dr. Gabriele Hegerl

Geboren 1962 in München
1992 Doktorat in Mathematik, Ludwig-Maximilians Universität München
2001 Assoziierte Forschungsprofessorin an der Duke University, North Carolina
Seit 2009 Professorin in Climate System Science, University of Edinburgh, UK
Lead-Autorin in den UN IPCC Klima- Sachstandsberichten AR3 (2001), AR4 (2007) und AR5 (2013)
Mitglied des Core Writing Teams des IPCC AR5 Synthese Reports (2014)
Verschiedene Führungsfunktionen im World Climate Research Program WCRP
Fellow of the Royal Society of Edinburgh und Fellow of the American Geophysical Union

Der Hans-Sigrist-Preis

Den Hans-Sigrist-Preis erhielt Prof. Dr. Gabriele Hegerl auf Initiative der Philosophisch-naturwissenschaftlichen Fakultät. Der Hans-Sigrist-Stiftungsrat legt jeweils aus verschiedenen Vorschlägen das Wissenschaftsgebiet fest, aus welchem eine international zusammengesetzte Expertenkommission Forschende aus dem In- und Ausland nominiert. Der Stiftungsrat entscheidet schliesslich über die Vergabe. Das Preisgeld kann die Gewinnerin oder der Gewinner im Rahmen des Forschungszieles nach freiem Ermessen verwenden.

Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Stv. Leiterin Corporate Communication an der Universität Bern und ist Redaktorin bei «uniaktuell».

22.12.2016