«Weltraumforschung ist kein Nine-to-five-Job»

Am 27. Oktober 1967 begann die Weltraumforschung an der Universität Bern mit dem Testflug einer Zenit-Rakete. In den vergangenen 50 Jahren folgten viele weitere Meilensteine. Im Interview zum Jubiläum blickt Peter Wurz, Leiter der Abteilung Weltraumforschung und Planetologie, in die Vergangenheit, in die Zukunft und in die Sterne.

Interview: Ivo Schmucki

«uniaktuell»: Herr Wurz, was suchen Sie im Weltraum?
Peter Wurz: Das Neue, das Unbekannte. Ich möchte die Welt da draussen, unsere Umgebung im Sonnensystem und der Galaxie erkunden.

Und was hoffen Sie zu entdecken?
Bei jeder Mission in den Weltraum machen wir einen detaillierten Plan über die wissenschaftlichen Zielsetzungen: was wir messen wollen, welche Entdeckung wir erwarten und welche Dinge wir dort vermuten. Oft ist es dann aber anders, als die vorherrschenden Theorien vermuten lassen. Denn häufig machen wir die Beobachtungen zum ersten Mal, oder wir haben Messgeräte, die neue Messungen erlauben. Und dann gibt es auch das wirklich Unerwartete, wie zum Beispiel bei Pluto. Seine Oberfläche sieht völlig anders aus als erwartet. Es gibt Gebirge, glatte Ebenen, und andere Oberflächenformationen. In den letzten Jahren ist zudem die Suche nach Leben ausserhalb der Erde eine sehr wichtige Forschungsfrage geworden – beispielsweise auf dem Mars oder Jupitermond Europa. An dieser Suche sind wir massgeblich beteiligt.

Welches waren Höhepunkte in der Weltraumforschung an der Universität Bern?
In 50 Jahren gibt es natürlich einige Höhepunkte. Die Wertung ist auch eine Sache des Betrachters. Manches wirkt auf Aussenstehende interessanter. Angefangen hat die Weltraumforschung mit Raketen zur Erforschung der oberen Atmosphäre und Ionosphäre. Das Sonnensegel der Apollo-Missionen zum Mond war dann ein Meilenstein. Es hat viel Beachtung gefunden, sowohl in der wissenschaftlichen Fachwelt wie auch in der Bevölkerung. Und es ist noch immer in den Köpfen der Leute. Die Rosetta-Mission zum Kometen Churyumov-Gerasimenko ist auch vielen ein Begriff. Ein weiterer Höhepunkt waren sicher auch die Bilder vom Mars von der CaSSIS-Kamera, die bei uns im Haus gebaut wurde.

Welche Rolle spielt Bern in der internationalen Weltraumforschung?
Wir sind international geschätzt und sehr gefragte Partner für Weltraummissionen. Das zeigt sich daran, dass wir an Missionen der europäischen Raumfahrtorganisation ESA, der amerikanischen NASA, der russischen Roskosmos und auch der indischen und japanischen Organisationen beteiligt sind. Auch mit den chinesischen Kolleginnen und Kollegen sind wir im Gespräch für zukünftige Zusammenarbeiten.

Wie sieht Ihr Alltag als Weltraumforscher aus?
Es kommt einiges zusammen: Aktuelle Projekte managen und neue aufgleisen, Forschen im Labor, Auswerten von Daten der Weltraumsonden, Unterricht, Administration. Das ist kein Nine-to-five-Job, aber dafür abwechslungsreich und spannend.

Woher kommt Ihre Faszination für den Weltraum?
Einerseits faszinieren mich die aufregenden Technologien. Vor allem aber sind es die Dimensionen, also grosse Entfernungen und lange Zeiten, in denen Galaxien, Sterne und Planeten entstanden sind. Bis jetzt haben wir noch keine Planeten gefunden, die der Erde gleichen, obwohl Kandidaten dafür diskutiert werden. Die Suche nach diesen Planeten ist ebenfalls sehr reizvoll.

Sie sagten in Ihrem Vortrag anlässlich der «Nacht der Forschung», Weltraumforschung brauche Geduld. Können Sie das etwas ausführen?
Der Aufwand für eine Weltraummission rechtfertigt sich nur dadurch, dass man Messinstrumente massgeschneidert für die Aufgabe entwickelt. Und auch die Raumsonde ist massgeschneidert für das Missionsziel. Für den Bau benötigt man schnell mal fünf Jahre und mehr Zeit. Hinzu kommt die Konzeption und Bewilligung der Mission, was ebenfalls Jahre dauert. Zum Schluss folgt die wissenschaftliche Phase der Mission. Wenn noch ein langer Anflug zum Ziel hinzukommt wie zum Jupiter – was acht Jahre dauert – dann sind wir bald bei 20 Jahren und mehr für eine Mission von Anfang bis Ende.

Warum ist die Weltraumforschung für die Menschheit von Bedeutung?
Der Weltraum wird kommerziell genutzt. Zum Beispiel ist die Kommunikation via Satelliten heute Standard und die meisten von uns verwenden GPS für die Orientierung. Dazu muss man die Bedingungen im Weltraum verstehen und Satelliten dort stabil über viele Jahre betreiben können. Zum anderen ist es auch die Neugier, die uns in diese unbekannte Welt da draussen lockt. Diese Neugier teilen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit grossen Teilen der Bevölkerung. Das merkt man auch am grossen medialen Interesse für unsere Forschung.

Inwiefern bringen sich Weltraumforschende in aktuelle politische und gesellschaftliche Debatten ein?
Ein wichtiger Punkt ist der Beitrag zur Klimaforschung. Wir beziffern der Einfluss von Sonne und kosmischer Strahlung auf das Klima und vermessen klimarelevante Parameter der Erde und vergleichen sie mit anderen Planeten. Zudem zeigt uns der Vergleich von anderen Planeten mit der Erde, wie klein und fragil unser Heimatplanet doch ist. Es braucht nicht viel, um ihn in Gefahr zu bringen. Und wir kennen bisher keinen anderen Ort im Universum, wohin wir ausweichen könnten.

Welche Herausforderungen sehen Sie auf das Institut zukommen?
Unser Institut benötigt genügend Infrastruktur und Personal, und damit meine ich ein Team, das von Lernenden über technische Fachkräfte bis hinauf zu Professorinnen und Professoren geht. Die Bereitschaft der Geldgebenden, diesen Aufwand längerfristig zu unterstützen, ist in letzter Zeit in Frage gestellt worden. Hierbei wird ausgeblendet, wieviel Wissen und Technologie als Nebeneffekt unserer Arbeit entsteht. Die Mitarbeitenden in unseren Projekten erhalten eine Ausbildung und können Erfahrungen in der Spitzentechnologie sammeln. Diese Leute können später ihr Wissen auch in der Schweizer Industrie einbringen.

In welche Richtung wird sich das Institut weiterentwickeln?
Die Erforschung von Planeten wird ein sehr wichtiger Forschungsschwerpunkt der nächsten Jahrzehnte sein. Dazu gehört einerseits die detaillierte Erforschung von Planeten unseres Sonnensystems. Hier kommen Raumsonden mit unseren Messinstrumenten zum Einsatz. Andererseits gehören Planeten bei anderen Sternen (sogenannte Exoplaneten) dazu. Diese beobachten wir mit Teleskopen auf der Erde und im Weltraum. Nicht zuletzt wird auch die Forschung in der Theorie der Planetenentstehung und Entwicklung ein wichtiges Thema bleiben.

Welche sind Ihre Wünsche ans Institut zum Jubiläum?
Dass unsere Nachfolgerinnen und Nachfolger in 50 Jahren ähnlich stolz auf das Erreichte im vergangenen halben Jahrhundert zurückblicken, wie wir jetzt.

Zur Person

Teaser

Peter Wurz ist seit 2008 Professor am Physikalischen Institut der Universität Bern und leitet die Abteilung für Weltraumforschung und Planetologie (WP). Nach einer Ausbildung zum Elektronikingenieur absolvierte er ein Studium der Technischen Physik an der TU Wien. Danach war er Postdoktorand am Argonne National Laboratory, Chicago. Seit 1992 ist er an der Universität Bern tätig. Der Schwerpunkt seiner Arbeit ist der Ursprung und die Entwicklung der Planeten durch Messung der chemischen Zusammensetzung der Atmosphären und Oberflächen von Planeten.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Peter Wurz
Universität Bern, Physikalisches Institut, Weltraumforschung und Planetologie (WP)
Sidlerstrasse 5
3012 Bern
Telefon direkt: +41 31 631 44 26
Telefon Institution: +41 31 631 44 11
E-Mail: peter.wurz@space.unibe.ch

50 Jahre Weltraumforschung an der Universität Bern

Die Abteilung Weltraumforschung und Planetologie des Physikalischen Instituts nahm das 50-jährige Jubiläum zum Anlass, einen Blick in seine erfolgreiche und spannende Geschichte zu werfen und mit einer Jubiläumsfeier und einer Ausstellung die wichtigsten Stationen der Berner Weltraumforschung zu präsentieren. Die Ausstellung wurde an der dritten «Nacht der Forschung» am Samstag, 16. September gezeigt.

Physikalisches Institut, Weltraumforschung und Planetologie (WP)

Die Forschung der Abteilung Weltraumforschung und Planetologie beschäftigt sich mit dem Ursprung, der Geschichte, und der Entwicklung des Sonnensystems. Wir untersuchen unser eigenes Sonnensystem mit seinen Kleinkörpern (Kometen und Asteroiden), seinen Planeten und deren Atmosphären, bis hin zu den vor kurzem endeckten Planeten bei anderen Sternen (die Exoplaneten), um die physikalischen Prozesse die der Entstehung und Entwicklung der planetaren Körper zu Grunde liegen zu verstehen. Diese Fragen werden mit direkten Messungen vor Ort, mittels Fernerkundung, mit Laboruntersuchungen, und numerischen Modellen bearbeitet. Die Untersuchungen beinhalten auch die Wechselwirkung der Sonne mit den Magnetosphären und Atmosphären der Planeten und Kometen.

Zum Autor

Ivo Schmucki arbeitet als Redaktor bei Corporate Communication an der Universität Bern.

27.10.2017