Welthandel im Fokus

Seit 1999 organisiert das World Trade Institute WTI der Universität Bern einmal im Jahr das World Trade Forum. Die diesjährige Konferenz dreht sich um das 20-Jahre-Jubiläum der World Trade Organization WTO und findet vom 25. – 26. September im Kursaal Bern statt. Der Direktor des WTI, Prof. Joseph Francois, erzählt im Interview, welche Themen im Zentrum des Forums stehen werden und wie er die Zukunft des WTI sieht.

Interview: Brigit Bucher

«uniaktuell»: Vor 20 Jahren hat die World Trade Organization WTO mit Sitz in Genf ihre Arbeit aufgenommen. Inwiefern prägt die Organisation heute unseren Alltag?
Joseph Francois: Handelsabkommen wie diejenigen der Welthandelsorganisation WTO definieren Regeln, die die Existenz und das Funktionieren moderner Wirtschaftsbeziehungen überhaupt erst möglich machen. Dies gilt aber auch für regionale Abkommen wie jenes zwischen der Schweiz und der EU. Die Schweiz exportiert beispielsweise 32 Prozent ihrer gesamten Wertschöpfung, den Faktor Arbeitskraft miteingerechnet. Das heisst also, dass ein Drittel der Arbeitsplätze in der Schweiz mit dem Export zu tun hat. Und diese Exporte sind eben abhängig von Abkommen, die den Zugang zu internationalen Absatzmärkten sicherstellen. Im Herzen des Systems ist die WTO, denn sie stellt ein Grundsatzregelwerk für den internationalen Handel und für grenzüberschreitende Investitionen bereit – und sichert damit direkt Arbeitsplätze und unseren hohen Lebensstandard.

Welche Themen stehen im Zentrum des diesjährigen World Trade Forum zum Jubiläum der WTO?
Wir konzentrieren uns auf drei Themenfelder. Erstens schauen wir zurück auf die letzten 20 Jahre der WTO, um aus heutiger Perspektive festzustellen, was beabsichtigt war und was tatsächlich umgesetzt wurde. Die Gründung der WTO war mit vielen Erwartungen und Hoffnungen verknüpft, aber auch mit Unsicherheiten, wie das System sich schliesslich entwickeln würde. Das zweite Thema sind die aktuellen Herausforderungen, mit denen sich die WTO konfrontiert sieht. Dabei geht es beispielsweise um den Streitschlichtungsmechanismus der WTO, eine Art internationales Gericht, das sich darum kümmert, ob die WTO-Abmachungen von den Mitgliedern umgesetzt werden. Thematisiert werden wird aber auch die Rolle von Entwicklungsländern im internationalen Handel oder die Doha-Verhandlungen, die ausgesetzt wurden. Das dritte Thema wird sein, wie die WTO die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte meistern kann. Dabei konzentrieren wir uns auf konkrete Handlungsfelder, die in Angriff genommen werden müssen.

Wie hat sich das Umfeld für den internationalen Handel in den letzten Jahrzehnten verändert?
Seit den 1990er Jahren haben Unternehmen begonnen, ihre Produktion über Landesgrenzen hinaus und sogar über Kontinente hinweg zu organisieren. Autos, die in Nordamerika fertiggestellt werden, können beispielsweise Teile enthalten, die in Asien oder Europa produziert wurden. Oder nehmen Sie die Unterhaltungselektronik: vieles wird in Nordamerika designt und dann in China hergestellt mit Komponenten aus Südostasien. Schliesslich werden diese Produkte in Europa verkauft. Ein weiteres Beispiel sind Serverfarmen in Amerika, die Datendienste in Europa unterstützen. All diese Investitions-, Güter- und Dienstleistungsflüsse gehen weit über die ursprüngliche Architektur des Welthandelssystems hinaus, die man nach dem Zweiten Weltkrieg in Angriff genommen hatte. Dies betrifft insbesondere das GATT, das allgemeine Zoll- und Handelsabkommen, das 1947 abgeschlossen wurde. Die eben genannten Beispiele zeigen, dass multinationale Unternehmen eine immer wichtigere Rolle spielen in lokalen Arbeitsmärkten. Dies führt zu wachsenden wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Ländern.

Inwiefern sind diese Abhängigkeiten für Firmen von Bedeutung?
Wenn Unternehmen multinational tätig sind, bewegen sie sich auch in verschiedenen Regulierungssystemen. Diese unterschiedlichen rechtlichen Anforderungen werden als Kostentreiber im internationalen Handel betrachtet, das heisst, sie verteuern letztendlich die Produktion. Als solche sind sie natürlich von zunehmender Wichtigkeit für die Unternehmen. Andererseits stellen weltweit tätige Firmen die jeweiligen inländischen Gesetzgeber vor rechtliche Herausforderungen. So gesehen bestehen für die betroffenen Länder Anreize für die Zusammenarbeit.

Worin sehen Sie den grössten Nachholbedarf im Bereich des internationalen Handelsrechts?
Gegenwärtig wird den Herausforderungen des internationalen Handels unter anderem mit sogenannten Mega Regionals begegnet. Dies sind Freihandelsabkommen ausserhalb des WTO-Regelwerks, die zwischen einigen der weltweit grössten Handelspartner ausgehandelt werden. Dazu zählen das Canada-EU Comprehensive Economic and Trade Agreement (CETA), das Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) und das Trans-Pacific Partnership (TPP). Eine grundlegende Herausforderung für das Handels- und Investitionsrecht ist, dass sichergestellt wird, dass das multilaterale System gleichzeitig erweitert werden kann, um auf die Probleme des liberalisierten internationalen Handels zu reagieren.

Seit 2005 ist das WTI die Heiminstitution des Nationalen Forschungsschwerpunktes «Trade Regulation» des Schweizerischen Nationalfonds. Können Sie uns etwas über den Stand erzählen und was noch zu tun bleibt in den 2 verbleibenden Jahren der 12-jährigen Laufzeit des NFS?
Das WTI ist weltweit führend in der interdisziplinären Forschung und Ausbildung im Bereich der rechtlichen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen, die das globalisierte Wirtschaftssystem mit sich bringt. Seit 2005 ist das WTI zudem die Heiminstitution des Nationalen Forschungsschwerpunktes «Trade Regulation» des Schweizerischen Nationalfonds, der noch zwei Jahre dauert. Darüber hinaus gesehen werden wir mit denselben Herausforderungen konfrontiert sein wie das Handelssystem an sich. Dabei geht es um eine Verschiebung des Fokus auf das Thema der regulatorischen Zusammenarbeit und die Fortsetzung der Forschung im Bereich des Regionalismus neben der WTO selbst. Wir passen sowohl die Forschung als auch die Lehre in dieser Richtung an.

Zur Person

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Joseph Francois ist Direktor und Professor für Wirtschaftswissenschaften am World Trade Institute der Universität Bern und stellvertretender Direktor des NFS Trade Regulation. Zuvor war er Professor für Wirtschaftswissenschaften (mit einem Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie) an der Johannes Kepler Universität in Linz und davor Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Erasmus-Universität in Rotterdam. Für die WTO war er als Forschungsökonom tätig, für die US International Trade Commission als Vorsitzender des Bereichs Forschung und stellvertretender Direktor für Volkswirtschaft. Joseph Francois hat Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Maryland und Volkswirtschaft und Geschichte an der Universität von Virginia studiert.

Kontakt: Prof. Joseph Francois, Universität Bern, World Trade Institute, joseph.francois@wti.org, 031 631 54 88

Mehr Informationen zu Joseph Francois auf der Webseite des WTI

World Trade Institute (WTI) der Universität Bern

Das World Trade Institute (WTI) ist als interdisziplinäres Zentrum der Universität Bern eines der weltweit führenden akademischen Institute, die sich mit der Regulierung des internationalen Handels befassen. Es verbindet rechtliche, ökonomische und politikwissenschaftliche Aspekte der internationalen Handelsregulierung in Forschung, Lehre, Beratung und technischer Kooperation. Das WTI wurde im Jahr 1999 gegründet, um eine Lücke in der universitären Ausbildung in Zusammenhang mit der Regulierung des Welthandels zu schliessen. Seit 2005 ist das WTI die Heiminstitution des Nationalen Forschungsschwerpunktes «Trade Regulation» des Schweizerischen Nationalfonds.

World Trade Institute WTI
Nationaler Forschungsschwerpunkt (NFS) Trade Regulation

World Trade Forum

Das World Trade Institute der Universität Bern organisiert zusammen mit dem European University Institute in Florenz und dem Graduate Institute Geneva das World Trade Forum vom 25. – 26. September 2015. Die diesjährige Konferenz dreht sich um das 20-Jahre-Jubiläum der World Trade Organization und wird im Kursaal in Bern stattfinden. Während zweier Konferenztage werden verschiedene Panels zu Themen wie die Performanz der WTO, nicht-tarifäre Handelsbarrieren, internationale Handelsstreitschlichtung und regionale Handelsabkommen durchgeführt. Erwartet werden rund 150 Teilnehmende aus aller Welt.

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24.09.2015