Tipps für den erfolgreichen Hochwasserschutz

Was macht Hochwasserschutzprojekte erfolgreich? Dieser Frage geht eine neue Studie des Mobiliar Labs für Naturrisiken der Universität Bern nach. Ihr Befund: Unter anderem müssen alle betroffenen Akteure möglichst früh miteinbezogen werden. Und: Bei der Bevölkerung steigt die Akzeptanz von Projekten, wenn auch Naherholungsgebiete geschaffen werden.

Von Kaspar Meuli

Grosse Überschwemmungen bringen vieles in Bewegung. Nach der Hochwasserkatastrophe vom August 2005 zum Beispiel, die Schäden in der Höhe von rund 3 Milliarden Franken anrichtete, rüsteten zahlreiche betroffene Gemeinden beim Hochwasserschutz auf. In vielen Teilen der Schweiz wurden Projekte für neue Schutzbauten an die Hand genommen. Rund 80 davon hat die Schweizerische Mobiliar Versicherung finanziell unterstützt. Das Unternehmen verspricht sich von seinem Engagement, für das es in den vergangen zehn Jahren 30 Millionen Franken ausgegeben hat, nicht zuletzt eine Abnahme der Schäden, für die es bei der nächsten Hochwasserkatastrophe aufkommen muss.

Nun hat das Mobiliar Lab für Naturrisiken, eine gemeinsame Forschungsinitiative der Versicherung und des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung, untersucht, was es für erfolgreichen Hochwasserschutz genau braucht. An Hand von 70 der geförderten Schutzprojekte wurde erstmals systematisch die mittel- bis langfristige Wirkung von Hochwasserschutzprojekten evaluiert. «Wir haben technische Berichte ausgewertet, eine Onlineumfrage durchgeführt und Gespräche mit den Projektverantwortlichen in den Gemeinden geführt», erklärt Luzius Thomi, einer der Verfasser der Studie. «Anschliessend wurden die Ergebnisse mit Hochwasserschutzexperten aus der ganzen Schweiz diskutiert.» Dieses breit abgestützte Vorgehen soll sicherstellen, dass die Untersuchung auch über die unterstützen Projekte hinaus aussagekräftig ist.

Breite Palette von Erfolgsfaktoren

Die Analyse der Erfolgsfaktoren bei den untersuchten Projekten ergibt ein differenziertes Bild. Denn geglückt sind Hochwasserschutzprojekte nicht einfach dann, wenn sie Wohnhäuser und Infrastrukturbauten vor über die Ufer tretenden Gewässern schützen. Die Projekte müssen auch bei möglichst allen betroffenen Bevölkerungsgruppen auf Zustimmung stossen. Sie sollen also nicht nur Hausbesitzer in den Gefahrenzonen zufriedenstellen, sondern auch Bauern, die Land für Schutzbauten abtreten müssen, oder Einsatzkräfte wie Feuerwehr und Zivilschutz. Und die Akzeptanz steigt, wenn auch die nicht direkt betroffene Bevölkerung oder Umweltschutzorganisationen einen Nutzen in den Schutzmassnahmen sehen.

Breite Akzeptanz, so die Studie, erzielen Projekte vor allem dann, wenn folgende Punkte berücksichtigt werden: Alle Akteure – darunter auch die Fachspezialisten – müssen möglichst früh in die Planung einbezogen werden. Wichtig ist die Koordination der geplanten Massnahmen über die Gemeindegrenzen hinweg, idealerweise als Teil einer regionalen Planung. Positiv auf ein Schutzvorhaben wirkt sich zudem aus, wenn damit ein zusätzlicher Nutzen verbunden ist. Die Renaturierung eines Flussabschnittes etwa – sie ist nicht nur für die Umwelt ein Gewinn, sondern schafft auch Naherholungsraum. Ausschlaggebend für den Erfolg sind aber auch eine offene Kommunikation und der Erfahrungsaustausch mit Gemeinden, die bereits ähnliche Projekte realisiert haben.

Vorausschauende Planung gefragt

Langfristig werden Hochwasserschutzprojekte daran gemessen, wie gut sie Schäden vermeiden helfen. Schutzbauten, so die Analyse des Mobiliar Labs, haben in dieser Hinsicht nicht nur positive Auswirkungen. Sie vermittelten ein Gefühl der Sicherheit, heisst es in der Studie. Blieben die Hochwasser aus, sinke das Risikobewusstsein und es drohe die «sorglose Nutzung des überschwemmbaren Gebiets». Dann zum Beispiel, wenn in einer Gefahrenzone mehr und mehr gebaut wird. Die Forscher sprechen in diesem Zusammenhang von einer nötigen «Kontrolle der räumlich-zeitlichen Risikoentwicklung». Will heissen: Hochwasserschutzprojekte dürfen nicht einfach zum Freipass fürs Bauen werden. Denn kommt es schliesslich doch einmal zu einer Überschwemmung, stellen kostspielige Gebäude ein immer grösseres Schadenrisiko dar. «Nimmt die Konzentration von Werten in geschützten Gebieten zu», gibt Luzius Thomi zu bedenken, «steigt auch das Schadenpotenzial und damit das Risiko – nicht zuletzt für die Versicherungen.»

Noch fehlt es im Schweizer Hochwasserschutz an solch vorausschauenden Überlegungen. Projekte werden meistens nicht mit Blick auf künftige Risiken realisiert, sondern als unmittelbare Reaktion auf überstandene Überschwemmungen. Bei 80 Prozent der vom Mobiliar Lab untersuchten Projekte war der Auslöser ein Hochwasserereignis. Oder in den Worten eines für die Studie befragten Gemeindevertreters: «Oberhalb des Dorfes trafen zwei oder gar drei Gewitter zusammen. Alles Wasser kam gleichzeitig runter und verwüstete das ganze Dorf. Es war klar, dass etwas gemacht werden muss.»

Vorträge und Podiumsdiskussion

Öffentliche Veranstaltung:

«Was macht Hochwasserschutzprojekte erfolgreich?»

Donnerstag, 12. November 2015, 17 – 19 Uhr
Geographisches Institut, Hallerstrasse 12, 3012 Bern.

Dabei stellen Gemeindevertreter Projekte vor, und an einem Podiumsgespräch diskutieren Vertreter aus Wissenschaft und Praxis die Anforderungen an einen guten Hochwasserschutz.

Download Programmflyer (PDF, 648KB)

Zum Autor

Kaspar Meuli ist Journalist und PR Berater. Er ist verantwortlich für die Kommunikation des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung.

 

Kontakt:

Oeschger Centre for Climate Change Research (OCCR)
Falkenplatz 16
3012 Bern
+41 31 631 31 45

kaspar.meuli@oeschger.unibe.ch

www.oeschger.unibe.ch

09.11.2015