Sommerserie: Verstehen, wie Krebs entsteht

Was wollen die Schülerinnen und Schüler einer Sek-Klasse aus Ostermundigen zur Forschung der Universität Bern wissen? Die Fragen der Jugendlichen und die Antworten der Forschenden bilden den Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins «UniPress». In der diesjährigen Sommerserie blickt «uniaktuell» zurück auf die Begegnungen. Dieses Mal im Fokus: Yael, Nesrin und Lea, die Marc Wehrli und Julian Wampfler am Departement Klinische Forschung besucht haben.

Von Marcus Moser (Text) und Ivo Schmucki (Video)

Das Wetter ist frühlingshaft, die Sonne scheint. Das sind gute Rahmenbedingungen, denn die nächsten zwei Stunden geht es um ein Thema, mit dem viele lieber nichts zu tun haben wollen, zu welchem Yael Chartuni, Nesrin El Ouattassi und Lea Teutsch aber dennoch ihre Fragen haben: um Krebs. Wir treffen uns auf der Terrasse des Departements Klinische Forschung DKF. Der Ort ist gut gewählt, bildet doch das DKF die Schnittstelle zwischen universitärer Forschung und patientenorientierter Therapie. Dr. Marc Wehrli und Dr. Julian Wampfler verkörpern diese Schnittstelle: Beide haben Medizin studiert und Forschung betrieben. Und nun sind beide in der Universitätsklinik für medizinische Onkologie tätig und stehen damit im täglichen Umgang mit den Patientinnen und Patienten.

Yael, Nesrin und Lea: Herr Wehrli, Herr Wampfler, ist ein Tumor eine Krebserkrankung?
Marc Wehrli und Julian Wampfler: In der Umgangssprache ist das so. Dann meinen wir mit einem Tumor eine bösartige Wucherung, eine Krebserkrankung. Zu derartigen Wucherungen kann es fast überall in unserem Körper kommen.

Wie entsteht ein Tumor?
Ein Tumor entsteht dann, wenn etwas in unserem Körper weiterwächst, das nicht sollte. Das kann verschiedene Ursachen haben. Manchmal wird ein Tumorwachstum begünstigt durch unser Verhalten. Ein Beispiel ist Hautkrebs wegen zu starker Sonnenbestrahlung. Wir können uns schützen, wenn wir uns vor direkter Sonnenbestrahlung durch Sonnencrème und entsprechende Kleidung schützen. Ein anderes Beispiel ist Rauchen, das Lungenkrebs hervorrufen kann. Darum sind die entsprechenden Hinweise heute ja auf allen Zigarettenpäckchen aufgedruckt. Ein anderer Grund, warum jemand Krebs bekommen kann, sind familiäre Veranlagungen. Eine Häufung einer bestimmten Krebsart kann bei mehreren Verwandten vorhanden sein. Eine Ursache dafür können vererbbare Genveränderungen sein. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist die Schauspielerin Angelina Jolie, die eine bestimmte Disposition hat, eine Brustkrebserkrankung zu erleiden und sich deshalb die Brüste abnehmen liess. Dann gibt es aber auch Fälle von Krebs, bei denen wir bis heute keine Ahnung haben, warum er entsteht.

Ist es möglich, einen Tumor bei frühzeitiger Entdeckung vollständig zu heilen?
Zunächst müssen wir wissen, ob es sich um einen sogenannt gutartigen Tumor oder um einen bösartigen Tumor handelt. Wenn es ein gutartiger Tumor ist – eine einfache Wucherung von Gewebe –, dann kann man ihn vollständig heilen. Im anderen Fall, bei einem bösartigen Tumor, kommt es stark darauf an, wie weit sich der Tumor im Körper verbreitet hat, wie schnell er wächst und wie aggresiv er sich verhält. Je nachdem kann es aber auch bei bösartigen Tumoren zu einer vollständigen Heilung kommen.

Wenn ein Tumor wächst, müssten denn nicht die Wächter unseres Immunsystems Alarm schlagen und den Tumor bekämpfen?
Eine sehr gute Frage! Es ist richtig: Wir haben ein Abwehrsystem in unserem Körper. Wenn wir Fieber bekommen, werden Keime abgewehrt und aus unserem Körper spediert. Es ist möglich, dass unser Abwehrsystem auch Krebszellen bekämpft. Nun gibt es aber Krebszellen, die sich vor unserem Abwehrsystem verstecken können. Dann werden sie nicht entdeckt. Als Vergleich: Das wäre, wie wenn man ohne Ticket Bus fährt und den Kontrolleur überlistet.

Bekommt man Krebs vor allem im Alter?
Es ist so, dass das Risiko einer Krebserkrankung mit dem Alter steigt. Der Körper wächst, die Zellen teilen sich – damit wächst auch das Risiko, dass es zu einer nicht kontrollierten und durch unser Immunsystem nicht entdeckten Wucherung kommt. Da wir in einer alternden Gesellschaft leben, nimmt insgesamt auch die Zahl der Krebserkrankungen zu.

Was kann man medizinisch denn dagegen tun?
Früher hat man in der Regel versucht, einen Tumor operativ zu entfernen, ihn also herauszuschneiden. Das Problem ist, dass einige Tumore wiederkommen und Ableger bilden können. Ein anderer Weg ist die sogenannte Chemotherapie. Da wird versucht, mit geeigneten Medikamenten gegen sich teilende Gewebe, also vor allem gegen den Krebs vorzugehen. Inzwischen ist die Forschung an den verschiedenen Krebsarten weiter fortgeschritten. Heute werden in der Regel unterschiedliche Methoden angewendet und kombiniert, um eine Person mit einer Krebserkrankung zu behandeln und wenn möglich zu heilen. Wir versuchen heute ganz gezielt, gegen Krebserkrankung vorzugehen. Unser Wissen und unsere Erfahrung ist hier in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen.

Im Forschungslabor

Wir gehen einige Stockwerke tiefer. Hier arbeiten im Departement Klinische Forschung DKF Forschende aus der Gruppe des berühmten Krebsspezialisten Adrian Ochsenbein zumeist hinter Computern und analysieren Daten aus Laborgeräten. Die Räume sind einfach, die Labors meist eng. Alle freuen sich auf den Umzug ins neue Laborgebäude Murtenstrasse 20–30, das bis 2020 realisiert werden soll. Obwohl sich die Forschenden mit ihren Erklärungen redlich Mühe geben, ist bald klar, dass die Zusammenhänge im kurzen Zeitfenster von Laien nicht verstanden werden können. Aber diese Forschung ist kein Selbstzweck. Das wird deutlich, als wir zum Bettenhochhaus des Inselspitals aufbrechen.

Beim Besuch der Abteilung für Leukämie – Blutkrebs – ist Zurückhaltung angesagt. Wir können im achten Stock des Bettenhochhauses ein leeres Einerzimmer besichtigen. Die Fläche ist klein, die Aussicht indes überragend. Am Inselspital läuft seit Januar 2017 die erste klinische Studie für eine neue Immuntherapie gegen Leukämie. Im Labor entdeckte Antikörper sollen das Wachstum der Tumorzellen hemmen. Im kleinen Zimmer im Inselspital können sich alle vorstellen, wie viel Hoffnung mit neuen Medikamenten verbunden wird. Dennoch sind wir alle etwas erleichtert, später wieder im Freien an der Sonne zu stehen.

Unipress 171: Sie fragen, wir antworten

Teaser

«Sie Fragen, wir antworten» lautet der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe von «UniPress», dem Wissenschaftsmagazin der Universität Bern. Schülerinnen und Schüler der Sekundarklasse S9b aus Ostermundigen haben Forschenden der Universität Bern Fragen gestellt.

Nacht der Forschung

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Am Samstag, 16. September 2017, lädt die Universität Bern zur dritten Nacht der Forschung. An diesem grossen Wissensfest gibt die Universität einen Einblick in ihre Forschung – verständlich erklärt und unterhaltsam präsentiert. Die «Nacht der Forschung» findet zwischen 16.00 und 24.00 Uhr in den drei Gebäuden der Universität Bern rund um die Grosse Schanze und auf dem Areal um die Gebäude herum statt.

Zu den Autoren

Marcus Moser arbeitet als Leiter Corporate Communication, Ivo Schmucki als Hochschulpraktikant Corporate Communication an der Universität Bern.

20.07.2017