Ist Fruchtbarkeit aus dem Gesicht ablesbar?

In verschiedenen Studien wurde festgestellt, dass Männer Gesichter von Frauen in der fruchtbaren Phase attraktiver finden als in der unfruchtbaren Phase. Ob dies auch für Frauen gilt, wollte der Berner Wahrnehmungspsychologe Janek Lobmaier wissen. Die Ergebnisse seiner Studie wurden soeben in der renommierten Fachzeitschrift «Biology Letters» publiziert.

Von Brigit Bucher

Wie verschiedene Studien gezeigt haben, finden Männer Gesichter von Frauen, die sich in ihrem Zyklus um den Eisprung herum befinden, attraktiver als die Gesichter derselben Frauen in einer anderen Phase ihres Zyklus. Janek Lobmaier vom Institut für Psychologie an der Uni Bern sagt dazu: «Die Phase um den Eisprung herum ist von Bedeutung, da dies der Zeitpunkt ist, währendem die Frau ein Kind empfangen könnte.»

Erkennen Frauen Fruchtbarkeit in anderen Frauengesichtern?

In der aktuellen Studie, die soeben in der Fachzeitschrift «Biology Letters» veröffentlicht wurde, untersuchten der Hauptautor Lobmaier und seine Co-Autoren, ob auch weibliche Probandinnen die Aufnahmen von Gesichtern von Frauen in der fruchtbaren Phase attraktiver finden. Dazu wurden 160 Frauen in einer Online-Studie befragt. Bei den befragten Frauen konnte aber keine Präferenz für die Abbildungen von fruchtbaren Frauen festgestellt werden. 

Allerdings wurde in der darauffolgenden Laborstudie mit 60 Frauen eine zusätzliche Frage gestellt: «Die Probandinnen sollten die Frauen auswählen, welche ihnen am ehesten ein ‚Date’ abwerben könnten», erklärt Lobmaier. Dabei zeigte sich, dass diejenigen Frauen mit einem hohen Spiegel des Sexualhormons Östradiol eher die fruchtbaren Frauen wählten. Die Probandinnen nahmen diese offenbar als Konkurrenz wahr. Lobmaier erklärt: «Während also die Probandinnen andere Frauen, welche sich in der fruchtbaren Phase ihres Zyklus befinden, nicht attraktiver finden, können Frauen, die ein hohes Level an Östradiol haben, dennoch die feinen Unterschiede zwischen fruchtbaren und unfruchtbaren Frauengesichtern erkennen. Dies aber eben nur in einem Kontext, der intrasexuelle Kompetitivität suggeriert.»

Der Einfluss von Hormonen auf weibliches Konkurrenzverhalten

Das Sexualhormon Östradiol hat gemäss Lobmaier viele wichtige biologische Funktionen, zum Beispiel in der Regulierung des Menstrualzyklus. Auch besteht ein positiver Zusammenhang zwischen der allgemeinen Fruchtbarkeit und dem Östradiol-Spiegel: Frauen mit generell höherem Östradiol Spiegel haben eine höhere «potentielle» Fruchtbarkeit. «In unseren Studien fokussieren wir auf psychologische Effekte, zum Beispiel auf die Auswirkung von Hormonen auf das Verhalten», führt Lobmaier weiter aus. Frühere Studien hätten einen positiven Zusammenhang zwischen Östradiol Spiegel und kompetitivem Verhalten unter Frauen aufgezeigt: «Zum Beispiel konnte eine amerikanische Studie belegen, dass Frauen mit einem höheren Östradiol Spiegel eifersüchtiger reagieren als Frauen mit tieferen Östradiol Werten.»  Die eben publizierte Studie zeige, dass ein hoher Östradiol Spiegel Frauen helfe, potentielle fruchtbare Konkurrentinnen zu erkennen. Lobmaier macht aber eine Einschränkung: «Wir konnten diesen Zusammenhang nur bei  Frauen mit einem natürlichen Zyklus feststellen. Bei Frauen, die hormonell verhüten, gibt es diesen Zusammenhang nicht.» 

Stereotype Frauen- und Männerbilder?

Gefragt, wozu sind solche Studien denn gut seien, antwortet Lobmaier: «Ich finde es wichtig, die Einflüsse von Hormonen auf unser Verhalten zu verstehen. Während die physiologischen Effekte von Hormonen relativ gut erforscht sind, beginnt man erst langsam zu erkennen, dass Hormone auch auf unser Verhalten einen Einfluss haben.» Obwohl die Zusammenhänge zwischen Hormonen und Verhalten subtil seien, sei es dennoch wichtig, ihre Wirkungsweisen zu verstehen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil wahrscheinlich eine Mehrheit aller Frauen über mehrere Jahre regelmässig Hormone einnehmen würden. Lobmaier weiter: «Ich will damit nicht sagen, dass das per se schlecht ist, aber ich finde es wichtig dass man die möglichen Auswirkungen von Hormonen auf unser Verhalten kennt.»  

Zementieren solche Forschungsansätze nicht einfach stereotypisierte Frauen- und Männerbilder? Lobmaier sagt dazu: «Ich bin mir bewusst, dass ich mich mit meiner Forschung auf dünnem Eis bewege. Trotzdem bin ich nicht der Meinung, dass ich Männer- und Frauenbilder stereotypisiere, auch wenn gewisse Befunde möglicherweise etwas provokativ sind.» Aus einer rein biologischen Perspektive betrachtet, bestehe der Sinn des Lebens ja darin, möglichst viele Nachkommen zu zeugen, damit die eigenen Gene weiterverbreitet würden. Lobmaier sagt weiter: «So gesehen ist jedes Verhalten, das uns hilft Nachkommen zu zeugen, adaptiv. Frauen können nur in einer relativ kurzen Zeitspanne ihres Menstrualzyklus nämlich in den Tagen vor dem Eisprung, schwanger werden. Wenn also Männer die fruchtbaren Tage einer Frau ansehen können, könnte das helfen, ihre Gene an die nächste Generation weiterzugeben.»

Wie steht es aber mit den Frauen? «Für Frauen gibt es vielleicht keinen so direkten Nutzen darin, anderen Frauen den Eisprung anzusehen. Aber ein indirekter Nutzen könnte sein, dass Frauen so mögliche Konkurrentinnen erkennen. Unsere Studie zeigt, dass dies vor allem bei Frauen mit hohen Östradiol Werten der Fall sein könnte. Obwohl ich solche Überlegungen sehr interessant finde, darf man nicht vergessen, dass diese Effekte sehr klein sind und dass die Veränderungen im Gesicht der Frau über den Zyklus hinweg sehr subtil sind.»

Und in welche Richtung forscht Lobmaier in naher Zukunft? «In einem nächsten Schritt wollen wir genauer untersuchen, was denn die Gesichter von fruchtbaren Frauen für Männer attraktiver macht. Wir wissen zunächst erst, dass Männer Portraits von Frauen die während der Ovulation aufgenommen wurden attraktiver finden als Fotos, die während der Lutealphase aufgenommen wurden. Eine Hypothese, die wir verfolgen, ist, dass die Frauen möglicherweise während der Ovulation auf eine sehr subtile Art und Weise mehr mit der Kamera geflirtet haben als während der Lutealphase.»

Zur Person

Teaser

Prof. Dr. Janek Lobmaier hat in Zürich Psychologie studiert (Lizentiat 2003) und promoviert (2006) und sich an der Universität Bern habilitiert (2011). Von 2006 bis 2008 war er Postdoc an der University of St Andrews in Schottland. Ab 2008 war er an der Universität Bern tätig, zunächst als Assistent und von 2009 bis 2012 als Inhaber eines Ambizione Stipendiums (SNF). Seit Juli 2012 ist er Förderungsprofessor des Schweizerischen Nationalfonds an der Universität Bern.

Kontakt:

Prof. Dr. Janek Lobmaier
Institut für Psychologie, Professur für Biologische und Kognitive Psychologie
Universität Bern
Fabrikstrasse 8
CH-3012 Bern
+41 31 631 40 24
janek.lobmaier@psy.unibe.ch

Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Stv. Leiterin Corporate Communication an der Universität Bern und ist Redaktorin bei «uniaktuell».

27.01.2016