«Ich mag die Vielfalt meiner Tätigkeit»

Der diesjährige Johanna Dürmüller-Bol DBMR Forschungspreis der Universität Bern geht an Dr. Manuela Funke-Chambour. Sie wird ausgezeichnet für ihr Forschungsprojekt zur Lungenfibrose, einer tödlich verlaufenden Lungenkrankheit. Im Interview mit «uniaktuell» erzählt Manuela Funke-Chambour von ihrem Alltag zwischen Forschungslabor und Krankenhaus.

Interview: Ivo Schmucki

«uniaktuell»: Können Sie kurz erklären, worum es bei Ihrer Forschung geht?
Manuela Funke-Chambour: Mein Forschungsschwerpunkt ist die sogenannte idiopathische Lungenfibrose, eine zunehmende Vernarbung der Lunge. Obwohl neue Medikamente den Verlauf verzögern, gibt es weiterhin keine Heilung oder Besserung für die Betroffenen. Wir untersuchen die Krankheitsentstehung der Lungenfibrose und suchen nach besseren und neuen Medikamenten im Labor sowie auch in klinischen Studien. Zudem suchen wir in klinischen Projekten nach besseren Erkrankungsmarkern im Blut, um die Krankheit diagnostizieren und im Verlauf kontrollieren zu können. Wichtig ist mir dabei die Verknüpfung der Laborforschung mit der klinischen Problematik und klinischen Forschung. Das konkrete Ziel dabei ist eine Besserung in Diagnose, Verlaufsbeurteilung und Therapie zu schaffen. Dazu muss man die Erkrankung und ihre Ursache jedoch zuerst besser verstehen.

Wird man die Krankheit je ganz heilen können?
Ich bin davon überzeugt, dass wir das schaffen! Es gibt genügend Beispiele für Krankheiten, die früher tödlich verliefen, die heute mit Medikamenten oder in Kombinationstherapien gut kontrolliert werden und bei denen es den Patientinnen und Patienten besser geht. Meine Arbeit als Ärztin und Forscherin erlaubt mir die Fragestellung aus der Klinik ins Labor zu bringen und umgekehrt neue Ergebnisse aus dem Labor in der Klinik zu prüfen. Ich habe Projekte, bei denen ich die gleiche Frage sowohl mit klinischen Forschungs- als auch mit Grundlagenforschungsinstrumenten angehe. Das ist eine Herausforderung, aber sinnvoll, weil es schnell zu vielversprechenden Ergebnissen führt. Meine vielseitige Tätigkeit verschafft mir einen weitreichenden Überblick. Damit kann ich gezielter Forschungsziele verfolgen.

Was sind die grössten Schwierigkeiten bei der Forschung zur Lungenfibrose?
Laboruntersuchungen sind nur wertvoll, wenn sie anschliessend in der klinischen Forschung mit Patientinnen und Patienten umgesetzt werden können. Eine Schwierigkeit ist das relativ seltene Auftreten der Erkrankung. Sie ist zu wenig bekannt bei Patientinnen und Patienten, genauso wie auch bei Ärztinnen und Ärzten und Spezialisten mit eigener Praxis. Deshalb ist die Diagnose schwierig und nicht alle Betroffenen werden zu einer Beurteilung in ein Spezialzentrum geschickt. Wir brauchen Patientinnen und Patienten zur Teilnahme an Studien für neue Medikamente. Nur so können wir eine heilende Therapie finden.

Sie sind sowohl Oberärztin an der Universitätsklinik für Pneumologie am Inselspital als auch Leiterin des pneumologischen Grundlagenlabors am Department for BioMedical Research DBMR. Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?
Ich bin sehr beschäftigt. Obwohl ich versuche, die verschiedenen Arbeiten zu trennen, springe ich oft von einem Forschungsmeeting zu einem Patienten, oder beantworte während einer klinischen Besprechung kurz eine technische Frage im Labor. Der Wechsel ist zwar anstrengend, aber auch sehr spannend. Und als Mutter beherrsche ich das Multitasking.

Was ist Ihre persönliche Motivation, auf genau diesem Forschungsgebiet tätig zu sein?
Ich bin in erster Linie Ärztin und will den Patientinnen und Patienten helfen.  Es ist frustrierend, den Betroffenen mitteilen zu müssen, dass die Möglichkeiten für sie beschränkt sind. Das ist mein Antrieb, nach Lösungen zu suchen.

Was bedeutet Ihnen der Johanna Dürmüller-Bol DBMR Forschungspreis?
Der Preis bedeutet mir viel: zum einen habe ich die Gelegenheit, die Öffentlichkeit auf diese Erkrankung aufmerksam zu machen. Zum anderen ermöglicht mir die finanzielle Unterstützung und folgende Arbeit, beim SNF eine grössere Finanzierung zu beantragen. Ohne finanzielle Mittel ist die Forschung und damit Fortschritt leider nicht möglich.

Warum haben Sie sich für die Universität Bern entschieden?
Ich habe meine Assistenzarztausbildung in Bern gemacht und kannte daher bereits die Abteilung für Pneumologie. Danach war ich in den USA für einen Auslandsaufenthalt. Zurück haben mich mehrere Faktoren gebracht. Die Schweiz hat eine exzellente klinische Versorgung. Es ist auch keine Selbstverständlichkeit, Klinik und Grundlagenforschung nahe beieinander zu haben. Das Forschungslabor für Pneumologie ist zudem eines der wichtigsten in der Schweiz und hat Weltruf – begonnen mit der Forschung in der Lungenanatomie durch Professor Ewald Weibel. Ausserdem gibt es mit Professor Thomas Geiser einen Schwerpunkt für interstitielle (durch Entzündung und Narbenbildung des Gewebes geprägte) Lungenerkrankungen, ebenfalls mit internationalem Ruf. Forschung, insbesondere translationale Forschung, wird in Bern aktiv gefördert und unterstützt.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Definitiv wird die Forschung Teil meiner Arbeit sein – das macht einfach Spass! Auch in der Klinik möchte ich weiter arbeiten. Ich habe viel Freude an der Ausbildung von Doktorierenden und Studierenden der biomedizinischen und medizinischen Studiengänge. Diese Arbeit ist stimulierend und man wird immer wieder herausgefordert. Ich mag die Vielfalt meiner Tätigkeit. Daher sehe ich mich auch noch in 10 Jahren an einer akademischen Institution.

Wo finden Sie Ausgleich zum Arbeitsalltag?
Durch meine Familie. Meine Tochter und mein Mann sind meine Energiequellen. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich mit ihnen.

Das ausgezeichnete Forschungsprojekt

Bei der sogenannten idiopathischen Lungenfibrose vernarbt die Lunge zunehmend. Dies führt zu Atemnot, stetigem Husten und schliesslich zum Versagen der Atmung. Als Ursachen werden Umwelteinflüsse wie Umweltverschmutzung, Tabakrauchen oder eine erbliche Veranlagung vermutet. Die Lebenserwartung der Betroffenen ist begrenzt und gleicht derjenigen bei einer schweren Tumorerkrankung. Obwohl neue Medikamente den Verlauf verzögern, ist diese schwere Krankheit weiterhin unheilbar. Manuela Funke-Chambour befasst sich mit der Krankheitsentstehung der Lungenfibrose. Neue Erkenntnisse zeigen, dass bei Lungenfibrosepatientinnen und -patienten die Wundheilung des Lungengewebes gestört ist. Medikamente für eine bessere Wundheilung könnten daher auch bei der Lungenfibrose helfen. Funke-Chambour untersucht die genauen Effekte dieser Medikamente auf die Lungenfibroseentstehung. Um die personalisierte Medizin für Betroffene mit erblicher Veranlagung voranzutreiben, testet sie die Medikamente auch im Hinblick auf ihre Wirkung bei bestimmten genetischen Mutationen, die mit der Lungenfibrose assoziiert sind. Des Weiteren wird Funke-Chambour, in Zusammenarbeit mit der Metabolomics Facility des Universitätsinstituts für Klinische Chemie am Inselspital, nach neuen Biomarkern im Blut bei Patientinnen und Patienten mit Lungenfibrose suchen, mit denen die Prozesse einer gestörten Wundheilung sichtbar gemacht werden können. Mit solchen Biomarkern lässt sich die Wirkung von möglichen neuen Therapieansätzen beurteilen.

Zur Person

Teaser

Manuela Funke-Chambour wurde in Bonn (Deutschland) geboren und hat die schweizerische Staatsangehörigkeit. Sie studierte Medizin an der Rheinischen Friedrich Wilhelms Universität Bonn und der Universität Louis Pasteur in Strasbourg (Frankreich). Nach ihrem medizinischen Abschluss und ihrer Doktorwürde 2001 absolvierte sie ihre Ausbildung zur Internistin am CHUV in Lausanne. Anschliessend erlangte Funke-Chambour ihre pneumologische Facharztausbildung am Hôpital de Rolle und am Inselspital in Bern. Von 2007–2011 absolvierte sie eine vom SNF geförderte Postdoc Fellowship im pneumologischen Grundlagenlabor an der Hardvard Medical School/MGH in Boston (USA) bei Prof. Andrew Tager. Seit 2011 ist Manuela Funke-Chambour Oberärztin an der Universitätsklinik für Pneumologie am Inselspital Bern. Sie leitet die Spezialsprechstunde für interstitielle Lungenerkrankungen, klinische Studien im Bereich der Lungenfibrose sowie das pneumologische Grundlagenlabor am DBMR.

Kontakt:

Dr. Manuela Funke-Chambour
Universität Bern, Department for BioMedical Research
Telefon: +41 31 632 82 34
manuela.funke-chambour@insel.ch

Department for BioMedical Research (DBMR)

Das Department for BioMedical Research DBMR (ehemals DKF) hat – als Institut der Medizinischen Fakultät – den Auftrag, den 45 Forschungsgruppen des Inselspitals (Universitätsspital Bern) eine optimale Infrastruktur und wissenschaftliche Unterstützung zur Verfügung zu stellen. Die Mehrheit dieser Forschungsgruppen sind Gruppen an Kliniken des Inselspitals. Die restlichen Gruppen sind DBMR-interne Forschungsgruppen, welche an der täglichen wissenschaftlichen Unterstützung und der Koordination der Geräte und Infrastruktur beteiligt sind. Weiter ist das DBMR verantwortlich für den Betrieb von Technologie und Tier Core Facilites. Die Clinical Trials Unit (CTU) Bern ist auch dem DBMR angegliedert. Die Gruppen des Departements werden von den Zentralen Diensten unterstützt, welche für die Administration, die Informatik, die technische Unterstützung und die Bioinformatik verantwortlich sind.

Der Tag der Klinischen Forschung

Seit 1996 veranstaltet das Department for BioMedical Research DBMR (ehemals DKF) jedes Jahr den «Tag der Klinischen Forschung» und gibt einen Einblick in die klinische Forschung an der Universität Bern. Am «Tag der Klinischen Forschung» werden neben dem Johanna Dürmüller-Bol DKF Forschungspreis weitere Preise verliehen. Die Veranstaltung fand am Dienstag, 31. Oktober im Foyer und Auditorium Langhans des Instituts für Pathologie an der Murtenstrasse 31 statt.

Johanna Dürmüller-Bol DBMR Forschungspreis

Der DBMR Forschungspreis wird von der Fondation Johanna Dürmüller-Bol gestiftet und dient der Nachwuchsförderung in der klinischen Forschung. Er richtet sich an jüngere Forscherinnen und Forscher mit dem Ziel der Weiterfinanzierung durch kompetitiv eingeworbene Drittmittel.

Zum Autor

Ivo Schmucki arbeitet als Redaktor bei Corporate Communication an der Universität Bern.

31.10.2017