Frauengesichter: Messbare Attraktivität

Psychologen der Universität Bern kennen den Zusammenhang von Hormonen und Schönheit: Frauen mit einem tiefen Testosteron- und gleichzeitig hohem Östrogenspiegel sind am attraktivsten.

Von Lisa Fankhauser

Ist Schönheit messbar? «Ja», sagt Psychologe Janek Lobmaier, der den Einfluss der Sexualhormone Östrogen und Testosteron auf die Attraktivität von Frauen erforscht. «Frühere Studien zeigten, dass die Attraktivität von Frauen mit dem Östrogenspiegel ansteigt», erklärt er. Da aber bei Frau und Mann Östrogen sowie Testosteron vorkommen, testete Lobmaier, der seit seiner Lizentiatsarbeit Gesichter untersucht, nun erstmalig beide Hormone. «Das Gesicht ist äusserst interessant – es sagt viel über einen Menschen aus», sagt er. Es fasziniere ihn, aus der «meist ehrlichen Informationsquelle Gesicht» etwa emotionale Zustände oder subtile Veränderungen zu lesen. Die Untersuchung von Hormonen und Gesichtern nahm in den letzten Jahren zu. Die Universität Bern ist jedoch schweizweit die einzige Hochschule, die in diesem Bereich Forschung betreibt. In Berner Vorgängerstudien wurden etwa Veränderungen von Frauengesichtern während des weiblichen Zyklus erforscht.

Allgemeingültige Attraktivität

Attraktivität dient als Hinweis für Fruchtbarkeit und Gesundheit, um die Fortpflanzung zu garantieren. «Menschen stimmen – auch über die Kulturen hinweg – überein, was attraktiv ist», so Lobmaier. Vier allgemeingültige, evolutionsbiologische Kriterien definieren, was als attraktiv gilt: Symmetrie, gesunde Erscheinung, Durchschnittlichkeit sowie Sexualdimorphismus. Symmetrie ist ein Indiz für normales, proportionales Wachstum. Gesundes Aussehen ist ein sicherer Wert für potentielle Nachkommen. Durchschnittlichkeit schliesst gefährliche genetische Mutationen aus und Sexualdimorphismus bezeichnet typisch männliches oder weibliches Aussehen. «Natürlich sind aber auch persönliche Vorlieben wichtig», sagt der Psychologe. Die vier Kriterien spielen übrigens nicht nur bei erwachsenen Menschen eine Rolle. So bevorzugen Babys attraktive Erwachsene und Schwalben präferieren Artgenossen mit symmetrischen Schwanzfedern.

Hormone beeinflussen das Aussehen 

Weibliche und männliche Hormone formen das Aussehen verschiedenartig. Östrogen bewirkt weiche Gesichtszüge, ein feines Kinn, volle Lippen oder schmale Wangenknochen. Testosteron ist für markante Augenbrauen oder ein kräftiges, breites Gesicht verantwortlich. Da sich die beiden Hormone beeinflussen, wurde in Lobmaiers’ Untersuchung deren Wirkung nachgeahmt. Nach Hormonmessungen bei Probandinnen brachte man deren Portraits mit einer Software in eine Rangfolge bezüglich Testosteron- und Östrogenspiegel und bildete einen Durchschnitt. «Damit konnten typische Merkmale in Prototypen gezeigt werden», erklärt er. Für die Attraktivität – vor allem Ausstrahlung – wichtige Faktoren wie die Hautfarbe oder -struktur wurden nicht berücksichtigt, da der Fokus auf der Gesichtsform lag. Angenommen wurde, dass erstens Frauen mit viel Östrogen, zweitens mit wenig Testosteron oder drittens mit einem Verhältnis von wenig Testosteron zu viel Östrogen als attraktiv bewertet würden.

Schön: Wenig Testosteron, viel Östrogen 

Die Ergebnisse bestätigten mehrheitlich die Annahmen: Bilder von Frauen mit tiefem Testosteronspiegel wurden von weiblichen und männlichen Probanden attraktiver eingestuft als solche mit einem hohen. Die Erkenntnis, dass Frauen mit einem tiefen Verhältnis von Testosteron zu Östrogen – dies hemmt die Maskulinisierung von Gesichtszügen – attraktiv gelten, zeigt, dass das richtige Verhältnis beider Sexualhormone eine wichtige Voraussetzung für weibliche Attraktivität ist. Interessanterweise ging ein hoher Östrogenspiegel nicht mit erhöhter Attraktivität einher – dies widerspricht früheren Studien. Dass Männer und Frauen die gleichen Gesichter attraktiv finden, ist zwar «erstaunlich, jedoch ein häufiger Befund», sagt Lobmaier.

Zukünftige Studien: Männerbilder 

«Es wäre interessant, auch den Einfluss beider Hormone auf die Attraktivität von Männern zu untersuchen», so Lobmaier. Bis jetzt zeigte sich stets, dass Frauen Männer mit tiefem Testosteronspiegel bevorzugen. Ein hoher Testosteronspiegel wird zwar mit guten Genen assoziiert, aber auch mit weniger Zuneigung und Fürsorge, was für das Aufziehen von Kindern wichtig ist. «Spannend wäre auch, zu erforschen, wie Kleinkindhormone beeinflussen, was in der Pubertät passiert», erklärt er. Denn Hormone können einen starken Einfluss auf das Verhalten haben, beispielsweise geht ein hoher Testosteronspiegel mit einem erhöhten Risiko- und Entscheidungsverhalten einher.

03.06.2015