«Es war die spannendste Mission»

Am Freitag, 30. September 2016, ist die europäische Raumsonde Rosetta planmässig auf den Kometen Churyumov-Gerasimenko abgestürzt – und mit ihr das Instrument ROSINA, das Physikprofessorin Kathrin Altwegg zusammen mit ihrem Team an der Universität Bern entwickelt hat.

Interview: Barbara Vonarburg

«uniaktuell»: Sie haben ein Instrument verloren, das Ihnen ans Herz gewachsen ist – fast wie ein Kind. Ein schwieriger Moment?

Kathrin Altwegg: Ein Auge hat sicher geweint, aber es gab auch ein lachendes. Denn Rosetta war bei weitem die erfolgreichste und auch die spannendste Mission, die ich miterlebt habe. Vielleicht kann man sie mit einem Spitzensportler vergleichen, der auf dem Höhepunkt abtreten soll. Natürlich ist klar, dass ich zu Hause so etwas Schönes, Teures wie unser ROSINA-Instrument nicht auf den Boden werfen würde. Doch genau das haben wir hier getan.

Was geschah beim Absturz?

Die Sonde ist ungebremst auf den Boden gestürzt. Wir haben lange über ein mögliches Bremsmanöver diskutiert. Das Team, das für die Kamera an Bord zuständig ist, wollte dies unbedingt, um die Chancen für die Übermittlung eines letzten Bildes zu erhöhen. Eine Regen aus Brennstoff wäre auf unser Instrument geprasselt, was Messungen verunmöglicht hätte. Wir haben gewonnen: Nun traf Rosetta mit einer Geschwindigkeit von 90 Zentimeter pro Sekunde auf die Kometenoberfläche auf anstatt mit 60 Zentimeter pro Sekunde.

Welche Resultate erwarten Sie?

Wir können ein wunderbares Profil der Koma – der Kometenatmosphäre – erstellen, indem wir die Dichte, die Geschwindigkeit und die Zusammensetzung des Gases messen. Wir haben in einer Entfernung von 19 Kilometern vom Kometen begonnen und uns dann seiner Oberfläche genähert. Dabei haben wir eine Region erreicht, in der das Gas beschleunigt wird, und ganz zum Schluss kamen wir in eine Schicht, in der die Kollisionen der Moleküle eine Rolle spielen. Das hat man noch nie gemacht. Diese Resultate sind zum Beispiel für diejenigen Forscher interessant, welche Modelle der Koma erstellen.

Was haben Sie bisher mit ROSINA entdeckt?

Wir haben mittlerweile bereits 60 verschiedene Moleküle in der Kometenkoma gefunden. Und es gibt noch mehr, wir sind noch nicht am Ende. Zu den wichtigsten gehört das schwere Wasser. Aufgrund von dessen Analyse konnten wir zeigen, dass das Wasser auf unserer Erde nicht ausschliesslich von Kometen stammt. Damit ist eine lange Diskussion beendet worden. Heute nimmt man an, dass das Wasser möglicherweise aus den Anfängen der Erde selbst stammt. Das Edelgas Argon hingegen könnten Kometen auf die Erde gebracht haben, wie unsere Messungen zeigen. Und beim Edelgas Xenon haben wir möglicherweise die ursprüngliche Form gefunden, die schon 1974 postuliert, aber bisher nicht entdeckt wurde. Wichtig sind zudem all die organischen Moleküle, die wir nachgewiesen haben, inklusive Aminosäuren. Wir haben entdeckt, dass es beim Kometen viele Moleküle gibt, von denen man bis jetzt angenommen hat, dass sie Bioindikatoren sind, aber Leben gibt es dort natürlich nicht.

Was würden Sie generell als eines der Hauptresultate von Rosetta bezeichnen?

Man hat herausgefunden, dass es im Sonnensystem zumindest bei den Kometen viel sanfter zu- und herging, als bisherige Modelle gezeigt haben. Schon die kleinsten Kometenbestandteile sind lockere Aggregate. Wären sie mit etwas Anderem zusammengestossen, wären sie viel kompakter. Komet «Chury» besteht zu 75 Prozent aus Nichts, das heisst, er ist sehr porös. Das schliesst heftige Kollisionen aus. Und es zeigt auch, dass der Komet nicht Teil eines grösseren Objekts war, das bei einer Kollision auseinandergebrochen ist. Denn man sieht keinerlei Anzeichen, dass er sich jemals aufgeheizt hätte.

Sie haben das Pensionsalter erreicht. Werden Sie trotzdem weiter forschen?

Ich werde unsere Gruppe weiter mit meinem Wissen unterstützen. Die Auswertung der ROSINA-Daten wird noch 10 Jahre dauern. Das Instrument ist fantastisch, viel besser als wir gedacht haben. Aber es ist auch ein Biest. Da gibt es viele kleine, feine Details, die man kennen muss. Ich werde aber nicht mehr Vollzeit arbeiten. Mein Mann ist seit einem Jahr pensioniert. Er freut sich darauf, dass wir nun mehr zusammen unternehmen können.

Zur Autorin

Barbara Vonarburg ist Wissenschaftsjournalistin und arbeitet als Kommunikationsverantwortliche beim Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) PlanetS, der an der Universität Bern angesiedelt ist.

30.09.2016