Ein Durchbruch, der gefestigt werden muss

Der Hammer von Verhandlungsleiter Laurent Fabius ist gefallen; die Pariser Klimakonferenz COP21 Geschichte. Ob die Ergebnisse als historisch gelten dürfen, fragte «uniaktuell» beim Berner Klimaprofessor Thomas Stocker nach.

Von Marcus Moser

Thomas Stocker, 196 Länder haben sich verpflichtet, die Erderwärmung auf unter 2 Grad zu beschränken. Sind Sie mit den Ergebnissen der Pariser Klimakonferenz zufrieden?
Ja und nein. Zufrieden hiesse: es ist alles geregelt und vereinbart. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Dennoch haben die Länder in Paris den ersten wichtigen – und längst fälligen Schritt gemacht zur Umsetzung der UN-Klimarahmenkonvention, die seit 1994 in Kraft ist. Darin verlangt Artikel 2, dass die «gefährliche Einwirkung des Menschen auf das Klimasystem» verhindert werden muss. Das im Pariser Abkommen nun festgeschriebene Ziel, die Erwärmung deutlich unter 2°C bezüglich der vorindustriellen Werte zu halten, ist ein wichtiger Schritt hin zu diesem Artikel.

Teilen Sie die Einschätzung vieler Teilnehmerinnen und Kommentatoren der COP21, dass die Ergebnisse als «historisch» bezeichnet werden dürfen?
Ja, diese Bezeichnung ist heute auf jeden Fall gerechtfertigt. Dass alle Länder die bedrohlichen Risiken des Klimawandels anerkennen und die Netto-Emissionen aller Treibhausgase in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts auf Null senken wollen, ist tatsächlich ein ausgezeichneter Ausgang der Verhandlungen. Aber die nächsten zehn Jahre werden zeigen, ob das Pariser Abkommen die Bezeichnung «historisch» auch langfristig verdient.

Warum?
Paris ist nur der erste Schritt in die richtige Richtung. Nun müssen vier Punkte sichergestellt werden: Erstens die Kontrolle, ob die versprochenen Emissionsreduktionen der Länder tatsächlich stattfinden; zweitens die Verstärkung der nationalen Anstrengungen für den Klimaschutz alle fünf Jahre; drittens der Transfer aktueller Technologie in die Entwicklungsländer, damit Infrastrukturen klimakompatibel aufgebaut werden können und viertens die finanzielle Hilfe an die vom Klimawandel am meisten Betroffenen.

Sie haben mit Ihrem Team im 5. Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC klare Aussagen gemacht: Die Erwärmung im Klimasystem ist eindeutig. Der Einfluss des Menschen auf das Klimasystem ist klar. Die Beschränkung des Klimawandels erfordert substantielle und langfristige Reduktionen der Emissionen von Treibhausgasen. Das war 2013. Zwei Jahre später scheint der Wille der Politik zu Handeln deutlich an Fahrt gewonnen zu haben. Teilen Sie diesen Eindruck?
Ich bin stolz darauf, dass es uns 2013 gelungen ist, diese deutlichen Worte von allen Ländern im Konsens verabschieden zu lassen. Der Synthesebericht des IPCC hat sie nochmals bestätigt. Einige dieser Formulierungen haben direkt Eingang gefunden ins Abkommen von Paris. Den 5. Bericht darf man aber nicht isoliert betrachten, denn die Wissenschaft hat seit dem ersten Bericht von 1990 in immer detaillierterer Weise über die Gefahren und Risiken des Klimawandels informiert. Heute ist diese Erkenntnis nun auch in der breiten Bevölkerung und in der Wirtschaft angekommen. Dass global tätige Firmen sowie Teile des Finanzsektors im Klimawandel mittlerweile eine Bedrohung ihrer Geschäftsmodelle erkennen, war vor einigen Jahren noch undenkbar. Hinzu kommt, dass auch moralische Instanzen wie zum Beispiel Papst Franziskus oder die muslimischen Führer sich zum ersten Mal dazu äussern, wie der Mensch durch den Klimawandel und die Ausbeutung des Planeten seine eigene Lebensgrundlagen zerstört. Das alles hat zu einer neuen, dringend nötigen Dynamik in den Verhandlungen geführt.

Im Kern des Vertrags steht die Selbstverpflichtung der Nationen: Sie müssen nun regelmässig ihre nationalen Klimapläne einreichen. Dann wird gerechnet und je nach Ergebnis nachjustiert. Reicht das?
Der Mechanismus der Selbstverpflichtung hat die jahrelang blockierte Debatte glücklicherweise gelöst. Die regelmässige Nachjustierung ist absolut notwendig, da die bisher deklarierten Emissionsreduktionen der Länder bei weitem nicht genügen werden und die Erderwärmung beim aktuellen Stand wahrscheinlich über 3°C steigen wird.

Die Folgen des Klimawandels werden trotz COP21 zunehmen: Wird das 2-Grad-Ziel anvisiert, ist das verbleibende Budget an CO2-Emissionen noch vor dem Jahr 2040 aufgebraucht. Wo sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Handlungsfelder?
Ich möchte vier Punkte erwähnen: Ersten müssen die Industrieländer vorangehen und ihre Treibhausgasemissionen aggressiv senken. Dies muss durch konsequente klimaverträgliche Rahmenbedingungen, breite Implementierung erneuerbarer Energien und eine beschleunigte Innovation geschehen. Zweitens müssen moderne Konsumzyklen langsamer werden und Ressourcen konsequent wiederverwenden. Drittens dürfen politische Entscheidungen aller Länder nicht nur wie bisher auf die kurzfristigen finanziellen Konsequenzen überprüft werden, sondern auch darauf, wie sie mit den Zielen des Pariser Abkommens vereinbar sind. Viertens schliesslich müssen Industrieländer einen beschleunigten und bezahlbaren Technologietransfer in die Entwicklungsländer ermöglichen, damit die dort aufzubauende Infrastruktur nicht in alte Technologien investiert.

Die Politisierung des Klimaproblems hat mit den Ergebnissen der COP21 ihren Höhepunkt erreicht - die Rahmenbedingungen sind gesetzt. Es gilt nun die Dekarbonisierung primär als ökonomische Frage zu behandeln und voranzutreiben. Einverstanden?
Nein. Neben der rein ökonomischen Sichtweise gibt es die noch viel wichtigere Frage, wie die 17 Ziele der Nachhaltigkeit, welche die UNO im September 2015 beschlossen hat, erreicht werden können. Da geht es um Fragen wie Gerechtigkeit, Überwindung der Armut und des Hungers, Wasserverfügbarkeit, den Schutz des Ozeans und der Ökosysteme und weitere. Wird das Klimaproblem nicht umfassend betrachtet, werden diese Ziele nie erreicht werden können.

Welche Rolle sehen Sie denn künftig für die Wissenschaft?
Wenn wir die zentrale Bedeutung der Wissenschaft für das Zustandekommen der Pariser Vereinbarung betrachten, gibt es noch viele Aufgaben für die Wissenschaft, um die nächsten Schritte nach Paris zu unterstützen. Dazu gehört die genauere und umfassendere quantitative Beurteilung von Klimarisiken, von Anpassungsstrategien in den verschiedenen Regionen sowie die Ausgestaltung von Mechanismen zur weltweiten Bepreisung von CO2 Emissionen und anderen Instrumenten. Die Wissenschaft ist eben die Stimme, die keine Grenzen kennt, keinem Dogma folgt, die frei von Ideologien ist und keinen Partikulärinteressen verpflichtet ist. Damit bleibt sie zentrale Informationsquelle für künftige Verhandlungen.

Ihre Arbeit im Intergovernmental Panel on Climate Chance IPCC hat mit Ihrer Nichtwahl als Vorsitzender des IPCC ein Ende gefunden. Nun investieren Sie Ihre Kräfte wieder vollständig in Lehre und Forschung. Im Zentrum der Forschung steht ein neuer Eisbohrkern aus der Antarktis. Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen?
Gemeinsam mit meinem Kollegen Hubertus Fischer sind wir nun an der Ausarbeitung einer europäischen Kampagne in der Antarktis für die kommende Saison 2016/2017. Unser Kollege Jakob Schwander hat einen Mikrobohrer entwickelt, mit dem innerhalb einer Woche auf eine Tiefe von über 2 km gebohrt werden soll, um denjenigen Standort zu bestimmen, wo wir 1.5 Millionen Jahre altes Eis finden. Das wird spannend. 

Ergebnisse der Klimakonferenz in Kurzform

  • Die Weltgemeinschaft will die Erderwärmung im Vergleich zum Ende des 19. Jahrhunderts "deutlich unter zwei Grad" halten. Inselstaaten fordern eine Grenze von 1.5 Grad.
  • In der zweiten Jahrhunderthälfte soll ein Gleichgewicht zwischen dem Ausstoss von Treibhausgasen und von deren Absorption erreicht werden. Technische Mittel sind möglich. 
  • Alle Länder verwenden gleiche Standards für die Berichterstattung über den Ausstoss ihrer Treibhausgase. Eine externe Kontrollpflicht existiert nicht.
  • 2020 sollen die Staaten neue Ziele für ihren Ausstoss an Treibhausgasen vorlegen. Danach sollen die Ziele alle 5 Jahre überprüft und nach Möglichkeit verschärft werden.  
  • Die alten Industriestaaten stellen pro Jahr mit Beginn ab 2020 100 Milliarden Dollar zur Unterstützung von durch den Klimawandel gefährdeten Regionen zur Verfügung. Das Geld stammt aus einer Vielfalt von Quellen, private Unternehmen gehören dazu. 
  • Der Klimavertrag gilt ab 2020 und löst das Kyoto-Protokoll ab. Er soll am 22. April 2016 in New York von den Staatschefs unterzeichnet werden. Der Vertrag tritt in Kraft, wenn 55 Staaten, die 55 Prozent des globalen Ausstoss von Treibhausgasen ausmachen, verbindlich unterzeichnen. 

Zur Person

Teaser

Der 1959 in Zürich geborene Thomas Stocker ist seit 1993 Professor am Physikalischen Institut Bern. Er hat an der ETH Zürich Umweltphysik studiert und doktoriert. Danach war er als Forscher am University College (London), an der McGill University (Montreal) und der Columbia University (New York) tätig. Einen Namen machte er sich bei der Entwicklung von Klimamodellen und der Rekonstruktion des Klimas aus Eisbohrkernen.
 Stocker engagierte sich seit 1998 im IPCC und wurde 2008 zum Vorsitzenden der Arbeitsgruppe I gewählt. Zusammen mit dem Chinesen Qin Dahe führte er das Team von über 250 Autoren, das die wissenschaftlichen Grundlagen für den 5. IPCC-Bericht erarbeitete. Die Resultate dieses Berichts waren von grosser Bedeutung für die Vorbereitung zur 2015 in Paris stattfindenden UN-Klimakonferenz.
 Thomas Stocker ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Er lebt in Bern.

Kontakt

Prof. Dr. Thomas Stocker
Physikalisches Institut, Klima- und Umweltphysik (KUP)
Sidlerstrasse 5
3012 Bern
Telefon direkt: +41 31 631 44 62
Email: stocker@climate.unibe.ch

Physikalisches Institut, Klima- und Umweltphysik (KUP)
 

Weiterführende Links

Vertragstext (PDF, 505KB)

Zum Autor

Marcus Moser arbeitet als Leiter Corporate Communication an der Universität Bern.

14.12.2015