«Der Komet ist noch viel interessanter als wir erwartet haben»

Die ESA-Raumsonde Rosetta kreist seit rund einem Jahr um Komet 67P/Churyumov-Gerasimenko. Die Universität Bern ist mit dem Massenspektrometer ROSINA an der Mission beteiligt. Im Interview zieht die Berner Weltraumforscherin Kathrin Altwegg Bilanz über die bisherigen Erkenntnisse, bietet einen Ausblick auf Rosettas spektakuläres Ende – und sagt, was ihr der HIV-Preis bedeutet, mit dem sie am Montag, 19. Oktober ausgezeichnet wurde.

Interview: Martin Zimmermann

«uniaktuell»: Vor rund einem Jahr hat die Raumsonde Rosetta den Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko erreicht und das Massenspektrometer ROSINA an Bord des Raumschiffs seine Messungen aufgenommen. Hat die Mission bislang die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt?
Kathrin Altwegg: Voll und ganz. Der Komet ist dank seiner unregelmässigen Form noch viel interessanter als wir erwartet hatten. Er ist sehr vielschichtig, besteht aus eigentlich zwei Hälften. Wir haben also quasi zwei Kometen für einen erhalten. Die Sonde funktioniert im Allgemeinen ebenfalls hervorragend, ausser dass sie etwas Mühe mit dem vielen Kometenstaub hat.

Welche Entdeckungen waren für Sie rückblickend am wichtigsten? Und welche haben Sie am meisten überrascht?
Am wichtigsten war sicher der hohe Deuterium-Anteil im Kometenwasser. Das sagt uns, dass irdisches Wasser nicht ausschliesslich von solchen Kometen stammen kann. Vor kurzem hat ROSINA zudem äusserst reichhaltiges organisches Material entdeckt. Das deutet darauf hin, dass Kometen dazu beigetragen haben, dass sich Leben bei uns entwickelt hat. Die Zusammensetzung des Kometen deutet auch darauf hin, dass sein Material älter ist als das Sonnensystem.

Apropos Sonnensystem: Welche neuen Erkenntnisse hat Rosetta zur Frage nach dessen Entstehung erbracht?
Am meisten überrascht hat uns diesbezüglich der hohe Anteil von molekularem Sauerstoff auf Churyumov-Gerasimenko. Alle waren der Meinung, dass Sauerstoff viel zu reaktiv ist, um Jahrmilliarden zu «überleben», ohne sich mit anderen Stoffen zu verbinden. Obwohl wir hier noch lange nicht alles verstehen, scheint der Sauerstoff ebenfalls aus sehr frühen Zeiten zu stammen, was wahrscheinlich einige theoretische Modelle über die Bildung des Sonnensystems über den Haufen werfen wird. Zudem scheint «Chury» durch sehr langsame Zusammenstösse entstanden zu sein, ohne je eine heftige Kollision erlebt zu haben. Die meisten Modelle über die Entstehung des Sonnensystems setzen solche Kollisionen mit hoher Geschwindigkeit voraus. Auch hier muss die Geschichte neu geschrieben werden.

Im Juli hat Kometen-Lander «Philae» nach monatelangem Schweigen wieder Kontakt zur ESA-Bodenkontrolle aufgenommen. Was ist hier der Stand der Dinge?
Wegen des vielen Staubes ist Rosetta derzeit einige hundert Kilometer vom Kometen entfernt und damit zu weit weg, um mit Philae «sprechen» zu können. Dass Philae wahrscheinlich ungünstig auf der Seite liegt, erschwert die Kommunikation zusätzlich. Ende Oktober sollte Rosetta «Chury» dann wieder näher kommen, wenn der Komet von der Sonne wegfliegt und wieder weniger aktiv ist. Dann werden wir versuchen, mit dem Lander nochmals Kontakt aufzunehmen. Ob’s gelingt, ist unklar.

Welche Schritte stehen bei Rosetta als nächstes auf dem Programm?
Im Moment untersucht Rosetta die Wechselwirkung von Komet und Sonnenwind in einer Entfernung von rund 1500 Kilometern von «Chury». Spätestens Ende Oktober werden wir versuchen, uns dem Kometen wieder zu nähren, um zu analysieren, wie er sich während der aktiven Phase diesen Sommer verändert hat. In rund einem Jahr, im September 2016, werden wir Rosetta auf dem Kometen landen. Dies wird allerdings keine sanfte Landung sein. Wir werden während mindestens zweier Monate auf einer spiralförmigen Umlaufbahn nach unten fliegen, bis wir den Kometen treffen. Ist Rosetta erst einmal aufgeschlagen, wird eine Kommunikation nicht mehr möglich sein. Die letzten paar Wochen werden uns aber wahrscheinlich dank der Nähe zum Kern noch einmal fantastische Ergebnisse liefern. Die Mission muss im Herbst 2016 enden, da nachher die Distanz zur Sonne zu gross wird und wir Rosetta wieder einwintern müssten. Dies macht bei einer derart alten Raumsonde und angesichts des wenigen Treibstoffs, der dann noch übrig geblieben sein wird, keinen Sinn.

Sie haben tagaus tagein mit Forschenden aus aller Welt zu tun. Wie wichtig ist Ihnen die Ehrung durch den Handels- und Industrieverein des Kantons Bern?
Wir gehören zu Bern. Unser Forschungsgeld kommt aus Bern und der Schweiz. Unsere Uni ist in Bern verankert. Auch wenn wir Wissenschaftler natürlich weltweit die Anerkennung von andern Forschenden suchen, bin ich stolz, dass wir in Bern verankert sind und dass unsere Arbeit im Kanton und von der Wirtschaft positiv wahrgenommen wird. Dieser Preis ist für mich deshalb ganz speziell.

Zur Person

Teaser

Prof. Dr. Kathrin Altwegg, Jahrgang 1951, ist seit 2002 assoziierte Professorin für Experimentalphysik am Physikalischen Institut der Universität Bern. 2016 wird sie emeritiert. Die gebürtige Balsthalerin, SO, studierte Physik und Experimentalphysik an der Universität Basel. Von 1996 bis 2009 war Altwegg Projektmanagerin des Massenspektrometers ROSINA für die Kometenmission Rosetta der Europäischen Weltraumagentur ESA. Seit 2009 ist sie die Hauptverantwortliche des ROSINA-Projekts. Kathrin Altwegg war bereits an der Entwicklung des Ionenmassenspektrometers für die Raumsonde Giotto beteiligt, welche 1982 am Kometen Halley vorbeiflog.

Kontakt: 

Prof. Dr. Kathrin Altwegg, Physikalisches Institut, Weltraumforschung und Planetologie (WP), Tel. : +41 31 631 44 11, kathrin.altwegg@space.unibe.ch

Physikalisches Institut, Weltraumforschung und Planetologie (WP)

Zum HIV-Preis

Der Handels- und Industrieverein des Kantons Bern (HIV) hat die Astrophysikerin Kathrin Altwegg am 19. Oktober 2015 mit dem diesjährigen HIV-Preis 2015 geehrt. Der HIV honoriert mit dem Preis insbesondere den Einsatz Altweggs zu Gunsten der Jugend, welche sie für die Welt der Naturwissenschaften zu begeistern versucht. Der HIV-Preis wird jährlich an eine Persönlichkeit vergeben, die einen herausragenden Beitrag an den Wirtschaftsstandort Bern geleistet hat.

HIV Kanton Bern

20.10.2015