Der Klang der Macht

Vom Kanonendonner bis zum Glockengeläut: Der Historiker Jan-Friedrich Missfelder erforscht die gesellschaftspolitischen Verhältnisse vergangener Epochen – anhand von Klängen und ihrer Wahrnehmung durch Zeitzeugen.

Von Martin Zimmermann

«Demnach wir zu Unserem grossen Missfallen die Zeithero hören müssen, welcher gestalten durch die hier in unserer Stadt in Arbeit stehende Handwercks-Gesellen, theils unter dem Liecht von der Bätt-Gloggen an biss zu dem Nacht-Essen oder biss zu Läutung der Thor-Gloggen, theils von hero Verläutung an biss spath in die Nacht hinein und öffters biss an den Morgen solche Ohnfugen und Nacht-Freffel angerichtet, dass nicht allein ehrliche Leuthe an ihrer Ruhe verstöhret, sondern auch Mann- und Weibs-Personen auf den Gassen freffentlich angefallen und wohl gar verletzt werden.»

Die Beschwerden in dieser Zürcher Polizeiordnung vom Januar 1741 ähneln frappant den heutigen Diskussionen um Ruhestörungen durch Ausgehlokale und betrunkene Partygänger. Man könnte den Bericht als interessante Anekdote abtun. Für Historiker Jan-Friedrich Missfelder liefert er indes wertvolle Hinweise über die Machtstrukturen im strengen zwinglianischen Zürich: Die Obrigkeit versucht ihr Ideal einer «stillen Stadt» mit Glockengeläut zu strukturieren. Dieses Ideal wiederum wird von lärmenden, herumpöbelnden Handwerksgesellen gestört. Der Bericht, so der Forscher an einer Gastvorlesung am Institute of Advanced Study in Humanities (IASH), skizziere somit die behördlich normierte soundscape, also die Klanglandschaft einer Stadt der frühen Neuzeit.

Missfelder, Historiker an der Universität Zürich, rekonstruiert im Rahmen eines vom Schweizerischen Nationalfonds SNF unterstützten Habilitationsprojekts vergangene Klangkulturen und versucht so Rückschlüsse auf politische und gesellschaftliche Verhältnisse zu ziehen. Der Ansatz einer Sinnes- und Wahrnehmunggeschichte ist nicht neu: Schon länger versuchen Historikerinnen und Historiker Überlegungen zur visuellen Wahrnehmung in früheren Gesellschaften anzustellen. Der Hörsinn sei dabei lange zu kurz gekommen, moniert Missfelder. Erst in den letzten Jahren habe in der Forschung diesbezüglich ein Umdenken stattgefunden.

Die Vergangenheit ist verklungen

Akustische Ereignisse der Vergangenheit zeichnen sich indes vor allem durch eine Eigenschaft aus: Sie sind verklungen. «Kunstwerke und Architektur haben den Vorteil, dass wir sie noch heute betrachten können», sagt Missfelder. «Töne aus vergangenen Zeiten hingegen können wir nur rekonstruieren.» Vergangene Ereignisse durch Klänge nachzuerleben bleibe trotzdem unmöglich: «Selbstversuche, eine Hörerfahrung als solche zu wiederholen, sich selbst als Historiker neben eine napoleonische Kanone zu stellen und den Krach zu protokollieren, scheitern.»

Zum einen, so der Forscher, könne man Randbedinungen – prasselnder Regen, die Schmerzensschreie der Verwundeten – nicht reproduzieren. Vor allem aber ändere sich im Laufe der Zeit die Bedeutung von Klängen: So gelten etwa Industrie-Geräusche heute als Lärm; im 19. Jahrhundert hingegen habe man das Summen und Hämmern in den Fabriken als akustische Repräsentation des industriellen Fortschritts empfunden – zumindest an Werktagen.

Die Politik bestimmt, wer was hört

Schilderungen der Wahrnehmung solcher Klänge sind für die Geschichtsforschung deshalb von grossem Wert, verdeutlichen sie doch, welchen Wert die Menschen dem von der Forschung lange vernachlässigten Hörsinn beimassen. Als besonders fruchtbar erwies sich für Jan-Friedrich Missfelder das Tagebuch des Zürcher Polizeiagenten Leonhard Köchli. Dieser berichtet darin über den Einmarsch französischer Revolutionstruppen 1798 und die kurzzeitige Rückeroberung der Stadt durch konterrevolutionäre österreichische und russische Soldaten im darauffolgenden Jahr.

Auffällig ist laut Missfelder, dass Köchli nicht etwa irgendwelche politischen Reden protokollierte, sondern die politische Transformation vorab als «akustischen Erfahrungsraum» wiedergab: Der Agent zeichnete minutiös die Eindrücke vom Lärm der Versammlungen unzufriedener Bürger auf, von der Militärmusik und den Salutschüssen der Armee, welche die Massen auseinandertrieben – und vor allem vom Glockengeläut, «dem Medium alteuropäischer Massenkommunikation», das nicht nur Gottesdienste, sondern auch wichtige politische Entscheide begleitete. Machtbeziehungen, so Missfelder, werden in solchen Aufzeichnungen greifbar als «Verteilung sensorischer Artikulationschancen». Sprich: Die Politik bestimmt letztlich, wer in der Öffentlichkeit was sieht – und wer was hört.

 

Zur Person

Teaser

Jan-Friedrich Missfelder studierte Geschichte, Musikwissenschaft und Politikwissenschaft in Göttingen, Leicester (GB) und Berlin und wurde 2008 an der HU Berlin mit einer Arbeit zur politischen Ideengeschichte Frankreichs in der Frühen Neuzeit promoviert. Er war assoziiertes Mitglied im Berliner Graduiertenkolleg «Codierung von Gewalt im medialen Wandel» und lehrt seit 2004 an der Universität Zürich, zunächst als Wissenschaftlicher Assistent am Historischen Seminar, ab 2009 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im nationalen Forschungsschwerpunkt (NCCR) «Mediality. Medienwandel-Medienwechsel–Medienwissen.» Im akademischen Jahr 2013/14 war er Fellow am Kulturwissenschaftlichen Kolleg der Universität Konstanz und arbeitet seit 2014 als Senior Researcher im NCCR «Mediality». Seine Schwerpunkte liegen in der Sinnesgeschichte, der Kultur- und Mediengeschichte des  Akustischen, der Medien- und Geschichtstheorie sowie der Reformationsgeschichte und der europäischen Geschichte der Frühen Neuzeit.

Klänge historisieren
Für eine historische Akustemologie

Dr. Jan-Friedrich Missfelder (Universität Zürich)
Prof. Dr. Michaela Schäuble, Universität Bern (Moderation)

Datum: 15. April 2015
Zeit: 10.15 - 11.30 Uhr
Ort: Universität Bern, Unitobler, Lerchenweg 36, Raum F-113

Infos zur Veranstaltung beim IASH

29.04.2015