Dem Admiral auf der Spur

Das prächtige Herbstwetter der letzten Tage bot ideale Bedingungen, um ein ganz besonderes Phänomen zu beobachten. Die Rede ist von der Wanderung des Admirals. Dieser auffällige Tagfalter zieht momentan zu Tausenden durch die Schweiz. Im Rahmen seiner Dissertation untersucht Marco Thoma vom Institut für Ökologie und Evolution die Admiralwanderung und berichtet darüber für «uniaktuell».

Von Marco Thoma

«Auch Insekten wandern», ein Satz, der selbst bei manchen Biologen für Staunen sorgt. Dabei stellt der Insektenzug den vertrauten Vogelzug mit Leichtigkeit in den Schatten. Während man von 2,1 Billionen Zugvögeln ausgeht, die jeden Herbst nach Afrika wandern, zeigen Radarstudien, dass allein über Südengland jährlich 3,5 Trillionen Insekten hinwegziehen. Mit dem Insektenzug verschiebt sich eine gewaltige Biomasse. Aber das ist nicht alles. Auch die von den Insekten verrichteten Ökosystemleistungen «wandern». So sind die vielen wandernden Arten von Schwebfliegen wichtige Blütenbestäuber. Insektenwanderungen haben aber auch negative Auswirkungen. Man denke nur an die Riesenschwärme pflanzenfressender Wanderheuschrecken, deren Gefrässigkeit in manchen Ländern für Hungersnöte sorgen.

Trotz seiner Bedeutung ist das Wissen über den Insektenzug nach wie vor lückenhaft. Dies gilt auch für ganz grundlegende Fragen. Bei vielen Insekten ist beispielsweise völlig unklar, wie weit das einzelne Individuum wandert und welche Zugrouten es wählt. Die Tatsache, dass Insekten nicht einfach so mit Sendern markiert und auf ihrer Reise verfolgt werden können, ist hierfür ein wichtiger Grund.

Ein Admiral überfliegt den auf 2085m ü.M. gelegenen Tungelpass im Berner Oberland. Die Bilder entstanden während einer Zählung der ziehenden Admirale. Bilder: Marco Thoma
Ein Admiral überfliegt den auf 2085m ü.M. gelegenen Tungelpass im Berner Oberland. Die Bilder entstanden während einer Zählung der ziehenden Admirale. Bilder: Marco Thoma

Der Admiral als Modell

Ein Team der Abteilung Synökologie am Institut für Ökologie & Evolution versucht nun mit einem breiten Ansatz, grundlegende Fragestellungen zu beantworten. Dazu analysieren sie Beobachtungen von Bürgerinnen und Bürgern (Citizen Science), ermitteln die Herkunft durch die Untersuchung von stabilen Isotopen im Flügelchitin der Insekten und führen Markier-Versuche durch.

Als zentrales Studienobjekt wurde der Admiral auserkoren. Dieser häufige Wanderfalter mit dem klingenden wissenschaftlichen Namen Vanessa atalanta ist dank seiner rot gebänderten und weiss gefleckten schwarzen Flügeln unverkennbar. Jeden Herbst wandern Millionen dieser Wanderfalter in südliche Gefilde. Es handelt sich dabei um die Nachkommen jener Falter, die im Sommer den Norden Europas von Süden her besiedelt haben. Dank der Wanderung können sie ungünstigen Bedingungen im Norden ausweichen und sich im Winterquartier fortpflanzen. Im darauffolgenden Frühling sind es dann wiederum die Nachkommen dieser Herbstzieher, die nach Norden aufbrechen. Man spricht hier von einer Generationenwanderung: jede Generation unternimmt nur einen Teil der Reise.

Mit seinen weiss gefleckten und rot gebänderten schwarzen Flügeln ist der Admiral einzigartig unter den europäischen Tagfaltern. Bild: Marco Thoma
Ein markierter Admiral kurz vor der Freilassung. Bild: Marco Thoma
Ein markierter Admiral kurz vor der Freilassung. Bild: Marco Thoma

Sein unverwechselbares Aussehen und seine Häufigkeit machen den Admiral zu einem idealen Kandidaten für ein Citizen Science Projekt. Citizen Science bezeichnet den Einbezug der breiten Öffentlichkeit für die Beantwortung einer wissenschaftlichen Fragestellung. Die Berner Forscher machen sich dabei zu Nutze, dass in den vergangenen Jahren in zahlreichen Ländern online Naturbeobachtungsportale aufgeschaltet worden sind. Hier geben Naturbegeisterte ihre Tiersichtungen ein. Mit über 40 dieser Portale in über 20 Ländern konnten Nutzungsvereinbarungen abgeschlossen werden. Das heisst, dass deren Admiraldaten zu Forschungszwecken übermittelt werden. Mit verschiedenen Sensibilisierungskampagnen wurde auf das Admiral-Projekt hingewiesen. Gegen 200'000 Meldungen, zusammengetragen von Tausenden Beobachterinnen und Beobachtern, sind bereits übermittelt worden. Diese Datenfülle ermöglicht es, die Wanderungen des Admirals, sein räumlich-zeitliches Auftreten im Jahresverlauf und den Einfluss äusserer Faktoren auf den Zugverlauf in einer bisher nicht erreichten Exaktheit zu verfolgen.

Ein Grund mehr, nach draussen zu gehen!

In den vergangenen Tagen wurden dem Schweizer Portal www.ornitho.ch, ebenfalls ein Unterstützer des Berner Projekts, Hunderte Sichtungen übermittelt. Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende Admirale haben die Schweiz in den vergangenen zwei Wochen durchquert. Die Admirale schrecken dabei nicht davor zurück, in die Alpen einzufliegen, und das sogar sehr zahlreich. Durch die Hochalpen werden sie in eine südwestliche Richtung abgelenkt. Ähnlich wie es von Zugvögeln bekannt ist, konzentriert sich der Admiralzug anschliessend auf die verschiedenen Alpenpässe. Diese Übergänge werden gezielt angeflogen, da der geringere Anstieg hilft, Energie zu sparen. Dies konnte auch in einer Markieraktion im Rahmen des Admiral-Forschungsprojekts im Herbst 2016 gezeigt werden. Um mehr über die Routenwahl des Admirals in den Alpen herauszufinden, wurden auf den Alpenpässen Col de la Croix und Col de Bretolet rund 7000 Admirale mit Netzen eingefangen, mit Farbe markiert und wieder freigelassen. Die Ergebnisse zeigten nicht nur, dass die Admirale mit über 20 Stundenkilometern unterwegs sind. Sondern es konnte auch der Nachweis erbracht werden, dass Admirale in diesem Teil der Alpen dieselbe Route nutzen wie Zugvögel und nach dem Col de la Croix auch den Col de Bretolet überqueren.

Markieraktion auf dem Col de Bretolet in den Walliser Alpen im Herbst 2016. Bild: Marco Thoma
Markieraktion auf dem Col de Bretolet in den Walliser Alpen im Herbst 2016. Bild: Marco Thoma
Hunderte Meldungen sind in den vergangenen zwei Wochen beim online-Naturbeobachtungsportal www.ornitho.ch eingegangen. Diese Sichtungen werden anschliessend an das Admiralprojekt der Universität Bern übermittelt.
Hunderte Meldungen sind in den vergangenen zwei Wochen beim online-Naturbeobachtungsportal www.ornitho.ch eingegangen. Diese Sichtungen werden anschliessend an das Admiralprojekt der Universität Bern übermittelt.

Die Alpen scheinen aber kein absolutes Hindernis darzustellen. Zumindest bei so schönem Wetter wie am vergangenen Wochenende. Es gab nämlich verschiedene Meldungen von Admiralen in grosser Höhe. Der Rekordhalter war jener tapfere Admiral, der den Gipfel der Jungfrau in einer Höhe von 4000m ü. M. überflog. Dies zeigt, wieviel Energie in diesen federleichten Tierchen steckt!

Admiral-Netzwerk

Helfen Sie mit!

Helfen Sie den Schmetterlingsforschern und melden Sie Ihre Beobachtungen! Einzige Voraussetzung ist, dass man sich bei einem Beobachtungsportal registriert. Danach können Sichtungen online oder auch per App ganz einfach eingegeben werden.

Beobachtungen aus der Schweiz können Sie auf dem Webfauna-Portal des CSCF www.webfauna.ch, auf www.ornitho.ch der Schweizerischen Vogelwarte, mit der Webfauna App des CSCF und der App NaturaList von Biolovision eingeben. NaturaList ermöglicht es Ihnen zudem, Beobachtungen von überall her zu melden.

Datum, möglichst exakte Ortsangaben und Anzahl sind wichtige Informationen. Bitte geben Sie jede Beobachtung nur einmal ein.

Zur Person

Teaser

Marco Thoma hat seinen Master in Biologie an der Universität Bern im Jahr 2009 abgeschlossen. Danach arbeitete er in verschiedenen ornithologischen und naturkundlichen Projekten im In- und Ausland. Während fünf Jahren war er als Co-Leiter der Vogel-Beringungsstation der Schweizerischen Vogelwarte auf dem Col de Bretolet in den Walliser Alpen tätig. Seit 2015 ist er Doktorand von Prof. Dr. Wolfgang Nentwig und Dr. Myles Menz in der Abteilung für Synökologie. Hier ist er neben seinen Studien am Admiral in Projekte involviert, die sich mit der Wanderung von Libellen und Schwebfliegen sowie mit dem Einsatz von Radargeräten in der Vogel- und Insektenzugforschung beschäftigen.

Kontakt:

Marco Thoma
Universität Bern
Institut für Ökologie und Evolution
marco.thoma@iee.unibe.ch

Institut für Ökologie & Evolution

Das Institut für Ökologie & Evolution hat zum Ziel, eine wissenschaftliche Basis für das Verständnis und die Erhaltung der lebenden Umwelt zu schaffen. Untersucht werden Mechanismen, durch die Organismen auf ihre Umwelt reagieren und mit ihr interagieren, einschliesslich Reaktionen auf individueller Ebene, Veränderungen in Genhäufigkeiten auf Populationsebene, der Dynamik in der Artenzusammensetzung bis hin zur Funktionsweise ganzer Ökosysteme. Die Abteilung  Verhaltensökologie erforscht insbesondere Mechanismen, die für die Evolution des Verhaltens verantwortlich sind. Sie bedient sich dabei vielfältiger Methoden aus der Evolutionsbiologie, Ökologie, Physiologie und der vergleichenden Analyse. Sie ist prinzipiell organismisch orientiert, verwendet aber auch Instrumente der Molekulargenetik, Immunologie, Parasitologie, Neurobiologie und Endokrinologie. Der wichtigste methodische Ansatz ist das Experiment, sowohl unter natürlichen als auch standardisierten Laborbedingungen.

17.10.2017