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Die Klimazukunft wird konkret

Die Universität Bern war massgeblich an der Erarbeitung der heute veröffentlichten Klimaszenarien CH2018 beteiligt. Auf Basis dieser Modellberechnungen entwickeln Berner Klimaforschende neue Tools, um Hochwasserrisiken besser zu erkennen. Dafür lancieren sie jetzt die «Forschungsinitiative Hochwasserrisiko».

Die Schweiz wird trockener, heisser, schneeärmer und kämpft künftig mit heftigeren Niederschlägen – dies sind die Hauptaussagen der im Auftrag des Bundes erstellten Klimaszenarien CH2018. Erarbeitet wurden die Szenarien – sie unterscheiden unter anderem zwischen der Entwicklung mit und ohne Klimaschutz – gemeinsam durch Forschende von MeteoSchweiz, der ETH Zürich und des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Universität Bern. «Diese Zusammenarbeit innerhalb der Schweizer Klima-Community hat Tradition», erklärt Christoph Raible. Der Professor für Klimadynamik hat die Berner Beiträge zu CH2018 koordiniert. Um Abschätzungen zum zukünftigen Zustand des Klimas vorzunehmen, seien unterschiedliches Wissen und Spezialisierungen innerhalb der Klimaforschung gefragt. «Das Oeschger-Zentrum hat sich im Rahmen von CH2018 vor allem mit der vergangenen Klimaentwicklung der Schweiz befasst, um zukünftige Änderungen in einen längeren Kontext zu stellen.»

Die Klimaszenarien CH2018 sind nach den Ausgaben 2007 und 2011 bereits der dritte Blick auf die Schweizer Klimazukunft. Die aktuellen Klimaszenarien verbinden Simulationen modernster Klimamodelle mit Beobachtungen bisheriger Trends und erlauben den bisher genausten Blick in die Klimazukunft unseres Landes. Damit stellen sie eine wichtige Grundlage für die Strategie des Bundesrats zur Anpassung an den Klimawandel in der Schweiz dar.

Extremniederschläge werden stärker

Neue Szenarien zur künftigen Entwicklung des Klimas in der Schweiz drängen sich auf, weil das Wissen über das Ausmass des globalen Wandels und seine regionalen Auswirkungen immer breiter wird. «Verglichen mit dem letzten Bericht verfügen wird heute über Beobachtungsdaten für sieben weitere Jahre», erklärt Christoph Raible. Dadurch liessen sich die Trends in den Messreihen genauer erfassen. Kommt hinzu: «Im Lauf der letzten Jahre sind neue globale, aber auch regionale Klimasimulationen entstanden. Ihre räumliche Auflösung ist viermal höher als im Bericht von 2011.»

Die aktuellen Klimaszenarien bestätigen die bisher bekannten Trends, wonach wir uns unter anderem auf mehr Hitzetage, trockenere Sommer und schneeärmere Winter einstellen müssen. Neu liefern die Szenarien aber auch konkrete Zahlenangaben für bisher nur qualitativ bekannte Entwicklungen, wie etwa extreme Niederschläge. Demnach werden im Jahr 2060 die Regenmengen am niederschlagreichsten Tag des Jahres gegenüber heute um 10 Prozent zunehmen. Ein Jahrhundertniederschlag im Sommer wird gar rund 20 Prozent mehr Regen mit sich bringen.

Hochwasserrisiken gehen alle an

Beinahe die Hälfte aller natürlichen Schäden an Gebäuden wird in der Schweiz durch Hochwasser verursacht. Vier von fünf Schweizer Gemeinden wurden in den vergangenen 40 Jahren Opfer von Hochwassern. Rund 300‘000 Gebäude – das sind 13 Prozent aller Bauten – befinden sich in hochwassergefährdeten Gebieten. Vor diesem Hintergrund ist der künftige Umgang mit den Folgen von Hochwassern eines der Themen, das am Mobiliar Lab für Naturrisiken der Universität Bern erforscht wird. Die am Oeschger-Zentrum angegliederte Forschungseinrichtung hat soeben eine auf drei Jahre angelegte «Forschungsinitiative Hochwasserrisiken ‒ vom Verstehen zum Handeln» lanciert (hochwasserrisiko.ch). «Wir wollen Grundlagen für ein besseres Risikomanagement schaffen», umreisst der Berner Hydrologie-Professor Rolf Weingartner das Ziel der diversen Forschungsprojekte. Dabei spielten die neuen Klimaszenarien für die Schweiz eine wichtige Rolle.

«Bis anhin zielte die Forschung vor allem auf ein besseres Verständnis der Entstehung von Hochwassern ab», betont der Co-Leiter der Mobiliar Labs. «Nun sollen diese Erkenntnisse mit Wissen darüber ergänzt werden, welche Schäden durch Überschwemmungen angerichtet werden könnten.» Die Forschungsinitiative besteht aus vier Teilbereichen. Sie befassen sich mit der Wahrscheinlichkeit von Hochwassern, mit der Verletzlichkeit von Gebäuden, mit den Auswirkungen von Überschwemmungen auf das Strassen- und Bahnnetz sowie mit der Vorhersage von Hochwasserschäden.

Die Resultate des Mobiliar Labs sollen unter anderem zu besseren Entscheidungshilfen für das Hochwasser-Risikomanagement führen. Die verschiedenen Tools werden die Behörden in Gemeinden und Kantonen – aber auch die Bevölkerung – dabei unterstützen, Hochwasserrisiken zu erkennen. Und nicht zuletzt will die Forschungsinitiative auch die Öffentlichkeit für Hochwasserrisiken sensibilisieren. Jede siebte Person wohnt in der Schweiz in einem gefährdeten Gebäude, und der Neuwert aller Gebäude in Gefahrengebieten liegt bei rund 500 Milliarden Franken. «Hochwasserrisiken», fasst Rolf Weingartner zusammen, «gehen uns alle an.»

Mobiliar Lab für Naturrisiken

Das Mobiliar Lab für Naturrisiken ist eine gemeinsame Forschungsinitiative des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Universität Bern und der Mobiliar. Die Forschungsschwerpunkte sind Hochwasser, Sturm und Hagel sowie deren Schadenspotenzial. Die Erforschung und Visualisierung des Schadenspotenzials von Hochwassern bilden einen zentralen Forschungsschwerpunkt.
www.mobiliarlab.unibe.ch

Oeschger-Zentrum für Klimaforschung

Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR) ist eines der strategischen Zentren der Universität Bern. Es ist ein führendes Klimaforschungszentrum und bringt Forscherinnen und Forscher aus 14 Instituten und vier Fakultäten zusammen. Das OCCR forscht interdisziplinär an vorderster Front der Klimawissenschaften. Das Oeschger-Zentrum wurde 2007 gegründet und trägt den Namen von Hans Oeschger (1927-1998), einem Pionier der modernen Klimaforschung, der in Bern tätig war.

www.oeschger.unibe.ch

 

13.11.2018

Wie können wir umgehen mit dem steigenden Hochwasserrisiko? Die «Forschungsinitiative Hochwasserrisiko» der Universität Bern entwickelt neue Ansätze. © Oeschger Zentrum für Klimaforschung, Video: Kaspar Meuli.