Medienmitteilungen, Infos für Medienschaffende und Medienecho Media Relations

Erkältungsviren haben ihren Ursprung in Kamelen – genau wie MERS

Vier menschliche Coronaviren sind auf der ganzen Welt verbreitet und neben den bekannteren Rhinoviren verantwortlich für Erkältungen. Meist verlaufen diese Infektionen für den Menschen harmlos. Für eines der vier menschlichen Erkältungs-Coronaviren «HCoV-229E» haben Virologen aus Bern und Bonn nun den Ursprung gefunden – es stammt ebenso aus Kamelen wie das gefürchtete MERS-Virus.

Das 2012 erstmals beim Menschen nachgewiesene Middle East Respiratory Syndrome (MERS)-Virus ist ein Coronavirus, das schwere Atemwegsinfektionen hervorrufen kann, mit oft tödlichem Verlauf. Fest steht seit einiger Zeit, dass das MERS-Coronavirus seinen tierischen Ursprung in Dromedaren hat.

Ein Team von Virologen um Prof. Volker Thiel vom Institut für Virologie und Immunologie (IVI) des Bundes und der Universität Bern sowie Prof. Christian Drosten vom Universitätsklinikum Bonn haben nun im Rahmen von Untersuchungen zu MERS rund 1’000 Kamele auf Coronaviren untersucht. Bei knapp sechs Prozent entdeckten die Forschenden erstaunlicherweise auch Erreger, die mit dem menschlichen Erkältungsvirus ,HCoV-229E‘ verwandt sind. Weitere molekulargenetische Vergleichsuntersuchungen zwischen Erkältungsviren in Fledermäusen, Menschen und Dromedaren legen den Schluss nahe, dass der Erkältungs-Erreger tatsächlich von Kamelen auf den Menschen übertragen wurde.

Evolution der Erkältungsviren könnte Szenario für MERS-Entwicklung liefern

Die Forschenden isolierten lebende Kamel-Erkältungsviren und fanden heraus, dass diese prinzipiell auch in menschliche Zellen eindringen können – über dieselben Rezeptoren wie das Erkältungsvirus «HCoV-229E». Allerdings gelingt es dem menschlichen Immunsystem, die Kamel-Viren genauso abzuwehren wie menschliche Erkältungsviren auch. Tests mit humanem Serum und den tierischen Erkältungsviren haben darüber hinaus ergeben, dass von ihnen keine unmittelbare Epidemie-Gefahr mehr für den Menschen ausgeht, denn die menschliche Bevölkerung ist durch die weite Verbreitung des Erkältungsvirus HCoV-229E weitgehend immun.

Also Entwarnung auch für MERS-Viren? «Das MERS-Virus ist ein rätselhafter Erreger: Immer wieder gibt es kleinere Ausbrüche, die lokal – zum Beispiel auf eine Klinik – begrenzt sind. Das Virus ist glücklicherweise noch nicht gut genug an den Menschen angepasst, so dass es sich bisher nicht weltweit verbreiten kann», sagt Christian Drosten. Die nun vorliegenden Untersuchungen zu Vorläuferviren des menschlichen HCoV-229E-Virus im Kamel ergeben ein Bild, das der derzeitigen Situation bei MERS ähnelt. Auch diese Vorläuferviren sind nicht optimal auf den Menschen angepasst.

Bedenklich ist laut den Forschenden, dass die weltweite Verbreitung von HCoV-229E durch Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgt ist, mit grosser Wahrscheinlichkeit im Rahmen einer vergangenen Pandemie. Die Bonner und Berner Virologen werden in zukünftigen Studien nun die Hürden, die ein Virus beim Übertritt vom Tier auf den Menschen überwinden muss, näher untersuchen. Diese Hürden hat das Vorläufervirus des heutigen Schnupfenvirus «HCoV-229E» vor mehreren hundert Jahren genommen und hat sich dann an den Menschen angepasst. «Es wird wichtig sein zu verstehen, ob das MERS-Coronavirus denselben Weg gehen kann», sagt Volker Thiel.

 

Angaben zur Publikation:

V M Corman, I Eckerle, Z A Memish, A M Liljander, R Dijkman, H Jonsdottir, K J Z Juma Ngeiywa, E Kamau, M Younan, M Al Masri, A Assiri, I Gluecks, B E Musa, B Meyer, M A Müller, M Hilali, S Bornstein, U Wernery, V Thiel, J Jores, J F Drexler, and C Drosten: Link of a ubiquitous human coronavirus to dromedary camels, PNAS, 16. August 2016, doi: 10.1073/pnas.1604472113

 

Quelle: Deutsches Zentrum für Infektionsforschung DZIF

 

19.08.2016