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Helfen kann ansteckend sein

Evolutionsforscher der Universität Bern haben herausgefunden, dass es ansteckend sein kann, anderen zu helfen. Ihre Studie zeigt, was es braucht, damit sich kooperatives Verhalten entwickelt – und dass dieses im Tierreich viel häufiger verbreitet sein muss als bisher angenommen.

Positive Erfahrungen mit Fremden freuen uns und erhöhen die eigene Hilfsbereitschaft gegenüber unbekannten Personen. Umgekehrt verstärken negative Erfahrungen die Abneigung. Dieses Verhalten wird «allgemeine Reziprozität» genannt. Obwohl es sich um ein bekanntes und weit verbreitetes Verhalten handelt, rätseln Verhaltensbiologen und Sozialpsychologen seit Jahrzehnten über seine Entstehung. Nun konnten Dr. Daniel Rankin und Prof. Dr. Michael Taborsky vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern belegen, dass das Weitergeben von positiven Erfahrungen von der Evolution her gesehen tatsächlich Sinn macht. Ihre Studie wurde nun in der Juni-Ausgabe des Journals «Evolution» publiziert.

«Ansteckung» nur in stabilem Umfeld

Die Forscher entwickelten ein spieltheoretisches Modell, in dem in Hochrechnungen Individuen zufällig mit anderen Mitgliedern einer Gesellschaft interagieren. Dabei haben diese die Wahl, ob sie helfen oder nicht. «Altruisten» helfen immer, während «Verweigerer» nie helfen. «Wiederholer» helfen, wenn ihnen zuvor geholfen wurde – ansonsten nicht. Anhand des mathematischen Modells konnten die Forscher untersuchen, wie sich die allgemeine Reziprozität bei Tieren entwickelt haben könnte. Sie fanden heraus, dass in einem sozialen Umfeld, in dem sich die Individuen in Zukunft wahrscheinlich wieder begegnen, das Weitergeben von Hilfe am häufigsten auftritt. «Der Schlüssel zu diesem Verhalten ist ein stabiles Umfeld», erklärt Daniel Rankin. «Wenn ich jemandem helfe, der später in die Mongolei auswandert, und den ich nie wiedersehe, dann haben weder ich noch mein soziales Netzwerk etwas davon.» Anders sei es aber, wenn das Netzwerk beständig bleibt: «Wenn ich dann jemanden unterstütze, wird mir in Zukunft irgendwann auch geholfen.»  

Ein karmisches Prinzip

Das Weitergeben von hilfreichen Handlungen an Unbekannte konnte bislang nur beim Menschen und bei Ratten beobachtet werden. Es unterscheidet sich stark von direkt und indirekt kooperativem Verhalten, bei welchem die «Hilfe-Empfänger» vorher bekannt sind. Bei direkt kooperativem Verhalten erweist ein Individuum einem Bekannten oder Verwandten einen Gefallen und umgekehrt. Bei indirekt kooperativem Verhalten gewährt man demjenigen Partner einen Gefallen, von dem man weiss, dass er sich früher – auch gegenüber anderen – hilfsbereit gezeigt hat. Sowohl das direkt wie indirekt hilfreiche Verhalten setzen hohe kognitive Fähigkeiten voraus, da in beiden Fällen ein Individuum erst als hilfsbereit identifiziert und «gespeichert» werden muss, um dann entsprechend zu handeln.

Bei der allgemeinen Reziprozität hingegen braucht ein Individuum bloss die Erfahrung, dass ihm vorher geholfen wurde. Die Forscher vermuten daher, dass dieses Verhalten im Tierreich viel weiter verbreitet ist als bisher angenommen: «Es handelt sich um ein sehr einfaches, beinahe karmisches Verhalten: Helfen, wenn mir geholfen wurde», sagt Rankin. «Dafür braucht es kein hochentwickeltes Gehirn  – im Prinzip kann das jeder Organismus von der einfachen Bakterie bis zum Elefanten.»

Quellenangabe:

Daniel J. Rankin, Michael Taborsky: Assortment and the evolution of generalized reciprocity, Evolution, Vol. 63, Issue 6 (June 2009), doi:10.1111/j.1558-5646.2009.00656.x
Dr. Daniel Rankin erstellte diese Studie an der Universität Bern, arbeitet heute aber an der Universität Zürich.

10.06.2009